Maneki-Neko 1. Teil

Maneki Neko, die Willkommens Katzen aus Japan –
der politische Hintergrund

Wir waren in die Geschichte mit den versteckten Christen in und um Nagasaki eingetaucht. Dabei haben wir über das Schicksal der Christen in Japan, über einen Zeitabschnitt von 250 Jahren berichtet. Immer wieder wurden von uns in Deutschland unbekannte Persönlichkeiten der japanischen Geschichte benannt und zum guten Schluss auch die Meji Restoration und die damit beginnende Religionsfreiheit in Japan erwähnt.  Bei der Vertiefung in die bewegte japanische Geschichte kommen wir nicht umhin uns auch mit den handelnden Personen bis zum „Harris Vertrag“ von 1858, der die Öffnung Japans und die Zulassung u.a. der Häfen Yokohama und Nagasaki für den Handel mit dem Ausland nach sich zog, zu beschäftigen.

Was die weltbekannten „Welcome Katzen – Maneki Neko“ des Gotokuji Tempels in Setagaya, Tokyo damit zu tun haben werden wir im zweiten Teil unseres Berichtes aufklären.

Einmal eingelesen in die Geschichte Japans kommen wir sehr schnell zu einer mächtigen Fürstenfamilie Ii aus Hikone in der Präfektur Shiga in der Nähe Kyotos, die mit den Maneki-Neko eng verbunden ist. So hat der Herr des Hikone Schlosses, Ii Naotaka bereits im Jahr 1632 als Tairo, als Regent und damit als Macher und zweiter Mann im Staat, dem Tokugawa Shogunat gedient. Eine herausragende Familie in der Edo Periode (1603 bis 1868). Die Familie Ii hatte noch bis in die letzten, Japan total verändernden Jahre dieser Zeitabschnittes herausragende Stellungen bekleidet. 1853 begann der Zerfall des Shogunats, das 1867 mit der Übertragung der Macht vom Tokugawa Shogunat auf den damaligen Keiser Meiji endete. Doch zunächst ein ganz kurzer Ausflug in die unübersichtliche, streitbare und nicht immer harmonische Geschichte Japans.  Sie begegnet uns noch heute auf Schritt und Tritt in Japan:

General Toyotomi Hideyoshi (1537 – 1598) versuchte nach der Ermordung von Oda Nobunaga (1534 – 1582) die Einigung Japans voranzutreiben. Das allerdings gelang erst seinem Nachfolger Tokugawa Ieyasu (1543 – 1616), dem Sieger der berühmten Schlacht bei Sekigahara.

Nach dem Tod des Toyotomi Hideyoshi im Jahr 1598 entbrannte ein Kampf um seine Nachfolge und damit um die Vorherrschaft in Japan.
Es kam 1600 zur alles entscheidenden Schlacht bei Sekigahara in der heutigen Präfektur Gifu. Es standen sich gegenüber, die Armeen des östlichen Lagers um Tokugawa Ieyasu und die vereinigten Armeen des westlichen Lagers um Fürst Ishida Mitsunari. Auf beiden Seiten waren insgesamt ca. 200.000 Kämpfer beteiligt. Sieger der blutigen Schlacht von Sekigahara wurde Tokugawa Ieyasu, der daraufhin die seit Jahrhunderten andauernden Kämpfe unter den japanischen Fürsten beenden und Japan vereinigen konnte.
1603 kann als Beginn des Tokugawa Shogunats und der Edo Periode bezeichnet werden. Das Tokugawa Shogunat hielt sich mehr als 250 Jahre und wurde erst durch die Meji Restoration ab dem Jahr 1867 durch die Machtverschiebung vom Shogunat auf Kaiser Meji beendet.


1858, 10 Jahre vor dem Ende des Tokugawa Shogunats, wurde Ii Naosuke (1815 – 1860), ein ferner Nachkomme des Ii Naotaka (Tairo im Jahr 1632), zum Tairo des Tokugawa Shogunats bestellt.
Neben der Bereinigung interner Machtkämpfe musste in dieser Zeit geklärt werden, ob sich Japan nach der über 200 Jahre währenden Abgeschlossenheit (Sakoku) ausländischen Mächten, allen voran den USA, öffnen sollte. Die einen wollten vom Handel mit den Ausländern lernen, die anderen lehnten das ab und wollten die Ausländer weiterhin von Japan fernhalten. Als 14. Sohn des Ii Naonaka, Daimyo von Hikone, und einer Mätresse beschäftigte sich Ii Naosuke über viele Jahre mit Zen Buddhismus und Konfuzianismus, mit Teezeremonien, der damaligen Dichtkunst und sportlichen Aktivitäten.

Erst nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1850, mit 45 Jahren, konnte er überhaupt den Namen Ii annehmen und wurde Daimyo und damit Herr des Schlosses von Hikone.
Er war es, der den Abschluß des „Harris Vertrags“ von 1858 unterstützte, da er eine Belagerung durch die Amerikaner verhindern und durch Handel zur weiteren Öffnung Japans beitragen wollte. Der 13. Shogun Iesada setzte Ii Naosuke zum Tairo, zum Regenten Japans ein, um endlich zu einem Vertragsabschluss mit Harris kommen zu können. Dank seiner Position als Tairo, als zweiter Mann im Staate hinter dem Shogun, konnte er anordnen, dass der Vertrag im Juli 1858 unterzeichnet werden konnte. Als er dann auch noch durchsetzte, dass zum Nachfolger von Iesada der erst 12 Jahre alte Yoshitomi zum 14. Tokugawa Shogun Iemochi ernannt wurde, und er umfassende Säuberungsaktionen befahl, war sein Ende besiegelt. Im März des Jahres 1860 wurde er vor dem Sakurada Tor (Sakuradamon) des Edo Schlosses, direkt gegenüber des heutigen Polizeipräsidiums in Tokyo, von 17 Samurais seiner Gegner ermordet. Sein Kopf wurde mit nur einem Hieb abgetrennt. Eine in Japan durchaus bekannte Geschichte, über die im japanischen TV häufig Filme gezeigt werden.

Dieser „Sakuradamon Mord“ war der Anfang von Ende des Tokugawa Shogunats. Es kam zu Kämpfen zwischen den Anhängern des Ii Naosuke und seiner Gegner. Die Geschichte zeigt, dass das Tokugawa Shogunat im Jahr 1867 mit der Mejii Restoration dann sein Ende gefunden hatte.

Mehr im zweiten Teil der Geschichte um die Maneki-Neko.

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Reise zu den „versteckten Christen“ Japans / Teil 5

Amakusa

Die Fahrzeit der Fähre von Kuchinotsu Port in der Nähe des Hara Schlosses nach Oniike auf der Insel Amakusa Shimoshima dauert nur 30 min. Mit uns werden nur noch ein paar kleinere LKWs und Personenwagen befördert. Es sind nur wenige Menschen an Bord. Das Meer ist ruhig.

Von Oniike geht’s per Leihwagen über Amakusa Hondo, dann über eine wild geschwungene Hochbrücke auf die Insel Amakusa Kamishima in Richtung Matsushima unserem heutigen Ziel. Nach 11/2 Stunden haben wir kurz nach der Autobahnausfahrt das Hotel für die kommenden zwei Tage mit dem erwartungsvollen Namen „Ship To The Firmament“  erreicht.
Leider regnet es die ganze Zeit, die Ankunft, ein Beispiel japanischer Gastfreundschaft, findet lediglich unter Regenschirmen statt. Aus dem Hotel stürzen sich zwei Personen bewaffnet mit Regenschirmen auf uns, bitten uns den Wagen so stehen zu lassen, wie wir ihn gerade angehalten haben, nehmen den kleinen Koffer aus dem Kofferraum und geleiten uns unter ihren großen Schirmen in die Empfangshalle des Hotels. Eincheck-Formalitäten, Einweisung, dann fährt uns der Hotelmanager mit einem Golfbuggy für 4 Personen mit Gepäck zu unserem Zimmer.

Es stellt sich heraus, dass der Manager, Fujimoto-san 21 Jahre im Sengokubara Prince Hotel in Hakone gearbeitet hatte und wir gemeinsame Bekannte aus dieser Zeit haben. Er erfüllte uns jeden Wunsch, konnte jede Frage beantworten, er war die Seele des Hotels. Und, er war ein Kind Amakusas, liebte seine Inseln und war froh, dass wir so viele Fragen an ihn richteten. Von ihm lernen wir auch, dass im Amakusa Dialekt „Domo arrigato – Dandan“ – Dankeschön heisst. Ihm für seinen Service ein fröhliches „dandan“…..
Angesprochen auf seinen Super Service antwortete er sehr bescheiden:
„Ichi-go-ichi-e“. Unser Motto! Wenn Du die Chance hast, nutze sie und gib dein Bestes, Du weißt nicht, ob du diese Chance noch einmal haben kannst.

Der Buggy ist natürlich gegen Regen mit einer Plastikhaube geschützt, wir sollen uns nur ja keinem Regentropfen aussetzen.
Das Zimmer liegt neben dem Empfangsgebäude mit Restaurant und Massageräumen. Ist riesig groß mit Holzbadewanne draußen überdacht, gefüllt mit heißem Onsenwasser (Matsushima Onsen). Es gibt zusätzlich zu den eigentlichen Betten ein riesiges weiteres Tagesbett, auf dem man sich lümmeln, Zeitung lesen oder einfach ausruhen kann. Die Terrasse, obwohl es regnet gibt den Blick frei auf das Meer mit vielen kleineren Inseln und einer der fünf Brücken (Amakusa Gokyo) zur Hauptinsel Kyushu mit dem Flughafen Kumamoto. Einfach wunderbar, trotz des Regens. Wir haben Massagen für uns bestellt, vorher ein kurzes Bad im eigenen Onsen, dann gibt es schon die 60 minütige Doppelmassage mit Kräuterölen und vielem Gelächter.

Das Dinner wird im futuristischen Ankunftsgebäude eingenommen. Das Gebäude sieht aus wie ein großes Schiff, daher auch der anmutige Name „Ship To The Firmament“.
Alles hält, was wir erwartet haben. Das Dinner ist japanische/italienisch. Einfach wunderbar. Wir sind begeistert. Auch wieder vom Manager, der beim Service aushalf und uns immer wieder mit keinen Infos überraschte. Auch damit, dass der Boden auf Amakusa nicht geeignet war Reis anzubauen, so dass die Bauern hier arm waren und es wenig zu essen gab. Wir erinnerten uns an den Grund für die Shimabara Revolution, wie sollten solche Leute die hohe Steuerbelastung, die in Reis abgerechnet wurde, tragen können. Wir konnten langsam verstehen warum es damals zur Revolte gekommen war, die von diesen Inseln ausging.

Vor dem Schlafengehen noch einmal ein heißes Bad auf der Terrasse. Luxus.

Das Frühstück am kommenden Morgen ist mehr als opulent, viel zu viel. Wir werden morgen früh weniger bestellen.

Sakitsu

Schon bald fahren wir los zur Inselrundfahrt, wieder zurück auf die Insel Amakusa Shimoshima, unser Ziel war das Fischerdorf Sakitsu mit der Sakitsu Kirche, auf der gegenüberliegenden Seite von Hondo. Wieder ging es über die wild geschwungene Hochbrücke bei Hondo, dann nach Navi quer durch die Insel. Wir hätten uns besser mal die Karte genauer ansehen sollen, uns führt der Weg an den Vulkanen Kadoyama und später Kashiradake entlang, durch dichteste Bewaldung, engste Sträßchen, die meistens nur eine Fahrbahn für uns und den Gegenverkehr bereit hielten. Eine abenteuerliche Fahrt mit dem sparsamen Toyota Prius Hybrid. Hoch und runter, unübersichtlich, eng und nicht enden wollend. Trotzdem auch solche herausfordernden Fahrten sind einmal zu Ende und nach fast drei stündiger Fahrt kommen wir in das kleine Fischerdorf Sakitsu.

Die Kirche fällt sofort auf. Es gibt geräumige Parkplätze für Touristen, allerdings sind und bleiben wir an diesem Vormittag die einzigen, die dort ihren Wagen parken. Unter Regenschirmen zur Kirche, Schuhe ausziehen. Die Kirche ist schlicht, kein Mensch zu sehen, wir kaufen ein Buch über die „Amakusa Christian Sites“ und lernen auch hier wieder, wie die damals „versteckten Christen“ Kreuze in einer Buddha Figur verstecken mussten, wie sie zB. eine Kinderspiel- figur aus Ton als Maria mit dem Jesuskind verehrten, oder Glaubensmedallien in Holzpfeilern verbargen. Auch sehen wir wieder Abbildungen der „Fumi-e“, das sind die kupfernen Marienbilder, auf die die Christen öffentlich treten sollten, um ihren Glauben abzustreiten…..

In den engen Gassen von Sakitsu gibt es nicht viel zu sehen, also machen wir uns auf den Weg zum Shinto Sakitsu Suwa Shrine, dessen Treppe zum Shrine nur wenige Meter entfernt von der Kirche beginnt. Wir kommen nicht weiter, denn vor einem kleinen Gebäude hängen ein paar Männer rum, die uns beäugen. Wir kommen ins Gespräch und finden heraus, dass es die Fischer von Sakitsu sind, die am frühen Morgen ein Shintofest im Shrine gefeiert haben und jetzt zum Mittagessen zusammengekommen sind. Sie laden uns zur Teilnahme ein, Schuhe ausziehen, in der Küche einige ältere Frauen, die Sashimi, Sushi, Tempura und Gemüse vorbereiten und auf die Tische der Fischer bringen. Die sitzen auf dem Tatamiboden im angrenzenden Zimmer und laden uns sofort ein uns zu ihnen zu setzen und mit ihnen zu trinken und zu essen. An den geröteten Gesichtern erkennen wir, hier wurde schon einige Zeit ordentlich Alkohol getrunken. Die Tische bogen sich unter den leckeren Speisen, uns wurde auch alkoholfreies Bier angeboten – und das in Sakitsu, wie wir meinten am anderen Ende der Welt. Es entspann sich ein herrliches Gespräch. Als Deutsche haben wir wohl immer noch einen großen Vorteil vor anderen Ausländern. Es wurde auf die Freundschaft zwischen Japan und Deutschland getrunken, viele Fragen gestellt, die zeigten, dass die Fischer ganz gut informiert waren.  Dann wurde es religiös, wir diskutierten über das Christentum, einige der Fischer waren Christen, anderen wollten nicht so klar mit der Sprache heraus. Dann auf die Frage, wie sich den der Shinto Shrine und die Kirche vertrügen, eine Aussage, die uns staunen ließ:
„Wir Japaner sind sehr großzügig. Wir haben 8 Millionen Götter, da nehmen wir Euren einen Gott auch mit auf. Auf den einen mehr oder weniger kommt es dann auch nicht mehr an“. Alle freuten sich, lachten darüber. Wir wurden in der kurzen Zeit zu Freunden, die meinen sich schon länger zu kennen. Angesprochen auf ihre Gastfreundschaft uns den Fremden gegenüber, war auch hier wieder die Antwort, die wir schon von dem Manager des „Ship To The Firmamaent“ gehört hatten: „Ichi-go-ichi-e“. Da war es auch wieder, unser Motto! Wenn Du die Chance hast, nutze sie und gib dein Bestes, Du weißt nicht, ob du diese Chance noch einmal haben kannst.

Nach dem Gespräch mit den Fischern brachen wir auf, um auf kürzestem Weg zurück zum Hotel auf der anderen Amakusa Insel zu fahren. Für 17:00 war eine weitere Doppelmassage angesetzt.

Wenig Verkehr auf der Route 266 nach Hondo. Plötzlich ein Menschenauflauf in der Ferne. Endlich war was los, wir bogen in eine kleine Seitenstraße ab und parkten unseren Wagen. Was wir dann sahen ließ uns stauen. Der Menschenauflauf bestand aus lebensgroßen, normal gekleideten Pappmaschee Figuren, Plastikhauben über den Pappmaschee – Gesicherten gegen den Regen. Hier wurde ein ganzes Dorf mit ihren Bewohnern abgebildet. Angler, eine Hochzeitsgesellschaft, Bauern, ein Mann in der Badewanne, hunderte von Figuren, alle durch eiserne Stützen in menschlicher Haltung fixiert. Wir waren verwundert, wanderten durch die Gesellschaft und fotografierten.
Anwesend war nur ein älterer Herr unter einem Regenschutz, ihn sprachen wir an und er erklärte uns, dass vor einigen Jahren einige Senioren begonnen hätten solche Figuren herzustellen, “Just for Fun”. Daraus hätte sich das entwickelt was wir heute hier sehen.
Alle Leute des Dorfes machen mit, und jetzt wollen sie ihre Figuren auch auf diesem Feld ausstellen, auch nur zum Spaß. Wir dankten ihm und fuhren weiter.
Der 17:00 Termin rückte näher. Auch das heiße Bad vor der Massage, also ging es wieder über die wild geschwungene Hochbrücke bei Hondo, wir kennen den Weg schon, es läuft wie geplant.

Massagen, Dinner wieder unschlagbar, heißes Bad auf der Terrasse. Am kommenden Morgen ist Abreise nach Kumamoto zur Rückflug nach Tokyo/Haneda.

Rückflug nach Haneda

Diesmal nehmen wir die Strecke über die fünf Amakusa Brücken in Richtung Kumamoto. Teilweise führt die Straße am Meer entlang über die fünf schönen Brücken, die Amakusa mit einer der Hauptinseln Japans, Kyushu, verbindet. Kurz vor Kumamoto, sehen wir Häuser, abgedeckt mit den in Japan so üblichen blauen Plastikbahnen. Wir denken uns nicht dabei, sehen nur, dass es immer mehr werden. Kurz vor der Autobahneinfahrt nach Kumamoto wird dann gewarnt, dass wir wegen der vielen Baustellen nur max. 80 km schnell fahren dürften. Da erst wurde es uns bewusst: vor einem Jahr, am 14. April 2016, gab es in Kumamoto und Umgebung ein großes Erdbeben (Stärke 6.5 – 7.3) mit 225 Toten und Verletzten und dem teilweise stark zerstörten Schloss von Kumamoto. Wir hatten es schon verdrängt, die zerstörten Häuser mit den blauen Plastikbahnen sowie die vielen Baustellen erinnerten uns daran. Wie schnell der Mensch doch verdrängen und vergessen kann!

Die Fahrt dauert ca. 11/2 Stunden, am Flughafen nimmt Toyota den Leihwagen wieder in Empfang und mit ANA geht’s zurück nach Haneda. Der Flug mit entsprechendem Rückenwind dauert nur 1:10 und wir sind zurück in der uns bekannten, hektischen Welt der japanischen Großstädte.

Ein Blick auf unsere einwöchige Reise zu den „versteckten Christen“:
Wir können durch unsere Besuche von Museen und Kirchen in den Präfekturen Nagasaki und Kumamoto bestätigen, was Shusaku Endo in seinem Buch „Schweigen“ geschrieben hat, und was im Film von Martin Scorcese „Silence“ so lebendig gezeigt wird. Der Katholizismus ist dort noch stark verbreitet und es gibt so viele Kirchen, die immer noch von Gläubigen besucht werden, das hat uns erstaunt. Ein Ergebnis dieser Reise: wir wollen hin und wieder unseren Standort und unsere Perspektiven wechseln um unser Gesichtsfeld auch weiterhin verbreitern zu können. Die Freundlichkeit und ausstrahlende Ruhe der Menschen, die wir getroffen haben sind Anreiz wieder auf die Insel Kyushu zu fliegen.

Natürlich ist der Atombombenabwurf am 9.8.1945 in Nagasaki immer in unseren Köpfen geblieben. Ob der Unsinn mit der Atombombe zu drohen jemals aufhören wird. Darauf war unsere Antwort auch: „Schweigen“.

Dass wir „ichi-go-ichi-e“ zweimal während unserer Reise gehört haben, zeigt uns, es gibt noch immer Menschen, die die alten Weisheiten der Japaner in die „Neuzeit“ gerettet haben, ohne sich dabei verstecken zu müssen.

 

 

 

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Reise zu den „versteckten Christen“ Japans / Teil 4

Hirado

Der nächste Tag führt uns mit dem Auto nach Hirado. Zwei Stunden Fahrt zu einem weiteren Versteck der frühen Christen und dem Sterbeort des britischen Navigators William Adams. Er ist bekannt als Anjin-san aus dem Film „Shogun“ (1975, nach dem Roman von James Clavell) und der erste Brite in Japan. Er kam um 1600 mit der „De Liefde”, einem holländischen Handelsschiff nach Japan. Adams war neben Jan Joosten auch der erste Ausländer, der es in Japan zum Samurai gebracht hatte. Mr. Adams starb 1620 in Hirado.

Die Autofahrt von Nagasaki nach Hirado dauert 2 Stunden, sie führt zunächst über eine gut ausgebaute Autobahn, dann über einspurige Landstraßen. Im Hafen von Sasebo sahen wir von der über die Stadt gelegten Autobahn japanische und amerikanische Flottenverbände liegen. Dann ging es über die in roter Farbe gestrichene Hirado Hängebrücke auf die Insel Hirado, die noch zur Präfektur Nagasaki gehört. Sofort sticht das Hirado Castle ins Auge. Hoch über dem Meer gelegen beherrscht das Schloss seit 1718 die Insel. Hirado hatte sich bis zur Abschließung Japans (Sakoku) zum internationalen Hafen entwickelt. Bereits Anfang des 7. Jahrhunderts gab es von dort aus regelmäßigen Schiffsverkehr nach China. Auf Hirado hielt sich auch Kukai (Kobo Daishi )  auf bevor er sich nach China einschiffte, um mehr über den Buddhismus zu lernen.

Die ersten holländischen und britischen Handelshäuser wurden in Hirado schon 1609 bzw. 1613 errichtet. Die Engländer zogen sich allerdings schon 1623 aus dem Handel in Hirado zurück. Die Holländer mussten dann 1639 notgedrungen ihre Aktivitäten wegen Sakoku einstellen, sie durften ab 1641 nur noch von der leicht zu kontrollierenden Insel Dejima im Hafen von Nagasaki Handel betreiben.

Was uns in Hirado interessierte war die unmittelbare Nachbarschaft von der katholischer Francis Xavier Gedächtnis Kirche und dem sich nahtlos anschließenden buddhistischen Tempel und Shinto Shrine. Verbunden sind die drei religiösen Stätten durch einen langen Treppen-Weg, der unmittelbar hinunter vom Friedhof neben der Kirche zum buddhistischen Tempel führt. Wir empfanden so etwas wie Koexistenz, aber auch einen gewissen Wettbewerb zwischen dem „Einen christlichen Gott“, Buddha und den 8 Millionen japanischen Göttern des Shinto. Wir diskutierten über die Frage im Film „Silence“, wessen Gott bzw. Götter nun allmächtiger seien. Es gab keine Antwort, eben nur „Schweigen“. Im Film wurde das damals von den Japanern beschriebene Gefühl der Unterlegenheit geschildert, wenn von christlicher Seite behauptet wurde, dass der „Eine Gott“ den 8 Millionen, unendlichen vielen, aber ohnmächtigen Shinto Göttern überlegen sei. Als Beweis für die Überlegenheit des „Einen Gottes“ wurde angeführt, dass die Shinto Götter eben nur als Menschen, Ahnen, als Berge, Bäume oder als Naturgewalten letztendlich nichts ausrichten könnten.

Auffällig auch die vielen katholischen Kirchen im weiteren Umkreis, trotz Verfolgung und Folterung haben Christen auch auf Hirado bis heute überlebt. An einer Stelle, an der Christen umgebracht worden sind, steht heute das Christliche Museum, in dem Gegenstände für religiöse Zeremonien aus der Zeit gezeigt werden, die von den „versteckten Christen“ hinter doppelten Wänden, in Fußböden oder speziellen Behältnissen über Jahrhunderte versteckt wurden. Auch über Hirado weht ein Wind des Märtyrertums.

Ein Erinnerungsstein an William Adams, Anjin-san, steht auf der im alten Stil wieder aufgebauten Hauptstraße. Wir hatten den Eindruck, dass versucht wird das kleine Städtchen mit dem Fähr- und internationalen Hafen so zu gestalten, dass die Erinnerung an die „versteckten Christen“ und an Hirado als früheres Handelszentrum Japans wachgehalten werden soll. Es geht ja immerhin um eine Anerkennung als Weltkulturerbe.

Was uns besonders gut gefallen hatte, war ein kleines Restaurant. Wir haben dort  ein hervorragendes Lemon Steak gegessen, auf dem Tischgrill gebratenes Wagyu Rindfleisch aus der Region mit Zitronen Scheiben.

Shimabara Rebellion
Für uns war die Zeit gekommen von Nagasaki mit einer Fähre zur Insel Amakusa umzuziehen. Auf dem Weg dorthin kommen wir nach einer ein-ein halbstündigen Fahrt nach Minami Shimabara City, Heimat des „Arima Christlichen Museums“ und den Überresten des einst mächtigen Hara Castles direkt hoch über dem Meer gelegen.

Im Museum wollen wir uns über die Shimabara Rebellion, der die Schließung Japans folgte, unterrichten lassen. Die Geschichte wiederholt sich. Schlechte Ernten hervorgerufen durch Taifune und unergiebige Böden, hohe Steuern auf alles Mögliche wie Heizmittel, für Fenster, Eingangstüren, für Geburten und Todesfälle machten die armen Bauern noch ärmer als sie sowieso schon waren. Christen wurden verfolgt und wer seine Steuern nicht bezahlen konnte wurde zudem gefoltert durch Sitzen in mit heißem Wasser gefüllten Becken, Hängen mit dem Kopf nach unten ohne Bekleidung (dies soll die schlimmste aller Folterungen gewesen sein) oder eingehüllt in trockenes Stroh und dann angezündet. Solche Methoden gehörten in dieser Zeit zum Alltag der allmächtigen Fürsten. Menschen wurden schlimmer behandelt als Tiere.

Die meisten Menschen in der Umgebung von Shimabara und Amakusa waren Christen. Einige von ihnen waren wegen des öffentlichen Drucks allerdings wieder zum Buddhismus bzw. Shintoismus zurückgekehrt. Schnell verbreitete sich dadurch das Gerücht, dass die Menschen gerade wegen dieser Übertritte so leiden müssten. In Predigten hatten sie gehört, dass vor Gott alle Menschen gleich wären. „Warum werden wir dann wie Pferde und Kühe behandelt? Wir fragen nicht nach Essen, wir bitten nicht um unser Leben, aber wir bestehen darauf, dass wir trotz unserer hoffnungslosen Situation doch als Menschen behandelt werden wollen!“ Ein starker Wunsch, der sich in den Köpfen und Herzen der Menschen festsetzte, die sich vorher nicht getraut hatten sich derartig zu äußern.

Vor Jahren hatte ein Pater vor seinem Tod prophezeit, dass eines Tages ein Kind Gottes erscheinen würde um alle Menschen zu retten. Das machte den gedemütigten Menschen Hoffnung und ermutigte sie sich zur Wehr zu setzen.

1637 war der Höhepunkt der Demütigungen erreicht. Unter Führung des erst 16 Jahre jungen Shiro Tokisada, später als Amakusa Shiro bekannt, versammelten sich 37.000 Männer und Frauen der nahe gelegenen Insel Amakusa zum Aufstand. Die meisten von ihnen waren Christen, auch herrenlose Samurai, Bauern und Fischer, alle meist nicht für den Kampf ausgebildet. Amakusa Shiro wurde verglichen mit Jeanne d’Arc, die 200 Jahre vor ihm zur charismatischen Anführerin ihrer Armee wurde.

Der Aufstand gegen die Unterdrücker begann. Der Schlachtruf der Aufständigen:
„Stirb und komm ins „Paraiso“ (Paradies), das ist besser als weiter in der Hölle zu leben. Selbst wenn wir getötet werden, wir bleiben für immer Freunde im Jenseits.“

Diese Truppe besetzte zunächst das am Meer liegende, zu der Zeit leer stehende Schloss Hara. Sie mussten es dann allerdings gegen eine Übermacht von 120.000 gut ausgebildeten Kämpfern des Tokugawa Bakufu (Regierungstruppen) und gegen die Kanonen eines von der Regierung um Hilfe gebetenen, holländischen Handelsschiffes, verteidigen. Die Truppe von Amakusa Shiro wurde kurzerhand ausgehungert und in einer fürchterlichen Schlacht aufgerieben. Shiro wurde enthauptet, die restlichen 37.000 Männer, Frauen und Kinder, die für ihre Freiheit gekämpft hatten, starben im zerstörten Hara Castle.

Die größte Revolution der japanischen Geschichte hatte am 28. Februar 1638 ein blutiges Ende gefunden. Aus Angst vor weiteren Aufständen und Verlust der Macht verbot der Tokugawa Shogun jeden weiteren Austausch mit Ausländern. Sakoku, die Schließung Japans, begann und dauerte weit über 220 Jahre an.

Auf dem Plateau des ehemaligen Hara Castle steht heute ein Monument mit der Inschrift:
„Dies ist eine Erinnerung an alle, die ihr Leben in der Shimabara Revolution verloren haben.“

Wir wanderten über diesen menschenleeren Platz, der einst das Zentrum des Hara Schlosses gewesen ist und schauten schweigend über das Meer. So also mussten Menschen vor fast 400 Jahren für ihre Freiheit und ihre kleinen Rechte kämpfen und auch dafür sterben. Dennoch, ihre Nachfahren haben mit ihrem christlichen Glauben Generationen überlebt, indem sie im Geheimen u.a. buddhistische Figuren zu christlichen Maria und Jesus Figuren umwidmeten, Kreuze auf nicht sichtbare Stellen an Grabsteinen anbrachten und in unentdeckten Räumen beteten. Wenn bei buddhistischen Beerdigungen der Mönch die Sanskrit Sutren vortrug, neutralisierten sie diese dadurch, dass sie einen Rosenkranz in einen mit geweihtem Wasser gefüllten Krug eintauchten und wieder herauszogen, im Stillen sprachen sie dazu christliche Gebete. Das alles aus der Angst heraus, dass der Verstorbene wegen der buddhistischen Zeremonie und ohne mit den christlichen Sterbesakramenten versehen, nicht ins „Paraiso“ kommen könnte.

1873 war der Spuk vorbei, von der Regierung unter Kaiser Meiji wurde Religionsfreiheit zugesichert. Es wurden wieder Kirchen gebaut, die heute noch ihren Gemeinden dienen und über deren Besuche wir geschrieben haben.

Nach der geschichtlichen Auffrischung im Museum und dem Besuch des Hara Schlosses setzen wir mit der Fähre über nach Amakusa in Kumamoto Präfektur. Es dauerte nur 30 Minuten und wir waren auf der nächsten Insel, auf der sich über zwei Jahrhunderte Christen vor Verfolgung durch die Regierungstruppen des Tokugawa Shoguns versteckt hatten.

 

 

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Koya-san Teil 3

Nach dem Check Out im Fugen-in setzten wir unsere Entdeckungsreise in Koyasan fort:

Der Kongobuji Tempel
Koyasan ist die Erfüllung einer Vision des Kobo Daishi. Heute noch, nach 1200 Jahren, ist der Kongobuji Tempel in Koyasan das Zentrum des mit 4.000 weiteren Tempeln weit verbreiteten Shingon Buddhismus in Japan. Was im Kongobuji Tempelbezirk neben den herrlich bemalten Schiebetüren und seiner immensen Größe auffällt, ist der mit über 2.300 m2 größte Steingarten Japans, der Banryu-tei, der mit imposanten 140 Granitsteinen rund um das Tempelgebäude angelegt wurde.

Tokugawa-ke Reidai
Nicht weit entfernt vom Kongobuji finden wir nach einem hohen Freitreppenaufgang zwei gleich gestaltete, eingeschossige, reich verzierte Gebäude. Es sind die Mausoleen für die ersten Tokugawa Shogune, Ieyasu und seinen Nachfolger Hidetada.  Errichtet wurden sie im Jahr 1643, in einer Zeit, als es für hochgestellte Persönlichkeiten wichtig war in der Nähe des verehrten Kobo Daishi eine Stelle zu haben, an der dieser Persönlichkeiten gedacht werden kann. Uns war nicht klar, ob hier auch die Asche der beiden ersten Tokugawa Shogune aufbewahrt wird, solche Details werden gerne im Unklaren gelassen. Beim späteren Rundgang über den Friedhof Okuno-in, werden wir noch einmal darauf zurückkommen.

Zurück zum Kondo über den Jabara-michi, den Weg, den wir am Vorabend bereits gegangen sind. Jetzt können wir die einzelnen Gebäude näher in Augenschein nehmen. Am beeindruckenden ist der Konpon-Daito, die einstöckige, rot-weiße Pagode mit dem dreidimensionalen Mandala, das die „Nicht-duale Natur“ der Lehre des Shingon verdeutlichen soll. Alle Gebäude, so lernen wir, wurden nach Zerstörung durch Feuer im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu errichtet.

Auch der Kondo ist für den Europäer kein symmetrisch, zB im Rechteck, angeordneter Platz. Dies konnten wir bereits im Horyuji Tempel in Nara erstmals sehen. Japaner scheinen einen anderen Sinn für Symmetrie zu haben. Unsere europäischen Augen bzw. unsere Sehgewohnheiten müssen sich bei Besuchen von Tempelanlagen wie dem Kondo immer wieder an die „japanische Symmetrie“ gewöhnen, das macht es aus für die Fremdartigkeit in Japan offen zu sein und sie so zu akzeptieren.

Der Okuno-in
Der Friedhof Okuno-in, den wir bei der Einfahrt nach Koyasan rechts der Straße gesehen hatten, zieht sich zwei Kilometer durch bewaldetes, teilweise gebirgiges Friedhofsgelände hin. Über drei Brücken, die Ichino-hashi, Nakano-hashi und Gobyo-bashi gelangen wir am Ende des Weges, an dem beiderseitig weit über 200.000 Grabanlagen zu bewundern sind, zum Kobo Daishi Gobyo, einem weitläufigen Mausoleum in dem Kobo Daishi in ewiger Meditation verharrt.

Wir betraten den Okuno-in am Haupteingang an der Ichino-hashi und wurden sofort in den Bann der einzelnen Grabanlagen gezogen. Der Weg führt durch einen Zedernwald mit zum Teil tausend Jahre alten, hochgewachsenen Zedernbäumen. Rechts und links des Weges, zwischen den Bäumen, immer wieder mit roten Mützchen oder Lätzchen bedeckte Jizos, kleine steinerne Statuen, die an verstorbene Kinder erinnern und sie jetzt beschützen. Dann wieder imposante Grabanlagen oder Monumente, die aus der japanischen Geschichte bekannten Familien oder Persönlichkeiten gewidmet sind. Hier ruht das „Who is Who“ der japanischen Geschichte. Einzelne Stelen, abgeschlossenen Grabanlagen, Grabmale mit bis zu fünfstöckigen steinernen Stupas, dicken runden Abschlusskugeln, indisch anmutende Grabmäler mit Sanskrit Inschriften, bemooste Treppen- Aufgänge, hier wechseln sich alle Stile ab. Das Auge kann nicht ruhen, der Fotoapparat auch nicht. Jedes Grabmal bekommt seine Bedeutung durch die Firma, die Familie oder die Persönlichkeit, die hier im Okuno-in, ganz in der Nähe von Kobo Daishi ein Monument oder Ruhestätte errichten möchte. Beeindruckende Schönheit der Anlage vermischt mit der Morbidität der bemoosten, teilweise verrotteten Steine und Hölzer.

Hier können Angehörige der Verstorbenen, einer Firma, eines Vereins, einer Gesellschaftsgruppe, einer Familie oder eines Einzelnen ihren Respekt bezeugen. Ein wunderbares Umfeld, und ganz nahe bei Kobo Daishi. Etwas störend für den europäischen Betrachter ist dann die überlebensgroße, marmorne Kaffeetasse der Firma UCC Coffee. Das Monument ist für den Japaner interessant. Ohne jegliche Bewertung, ohne ein störendes Gefühl. Da ist es dann wieder, die Großzügigkeit gegenüber dem Anders sein und denken, oder einfach das Übersehen einer für den Europäer ziemlichen Geschmacklosigkeit auf einem Friedhof.

Kobo Daishi verharrt im Gobyo Mausoleum, dem Herz von Koya-san, in ewiger Meditation, aus der heraus er den Menschen hilft sich von ihren Übeln zu befreien. Das ist der Grund, warum Persönlichkeiten in seiner Nähe ihre Grabstätten und Monumente errichten wollen.

Seit 1.200 Jahren werden von dort praktizierenden Mönchen zweimal am Tag Mahlzeiten für Kobo Daishi vorbereitet und in einer rituellen Zeremonie zu ihm gebracht. Wir konnten um zehn Uhr am Morgen dabei sein, als drei Mönche am Nebenausgang der Gebetshalle Toro-do eine Lade mit Speisen für Kobo Daishi beluden, um sie dann zwischen sich mit einer Tragestange zum Mausoleum zu bringen. Mit uns versammelten sich viele Touristen und Gläubige, die dann in einer Art Prozession die Mönche mit der Mahlzeit für Kobo Daishi bis ins Mausoleum begleiteten. Eine eigenartige Stimmung. Hunderte Touristen mit ihren Kameras und Smartphones, um ja kein Bild zu versäumen. Mönche, die für den in ewiger Meditation verweilenden Heiligen eine Mahlzeit servieren. Leider kam bei uns dabei keine der Zeremonie angemessene Stimmung auf. Allerdings wurde die ketzerische Frage des Ausländers, was mit dem Essen geschehe, das Kobo Daishi nicht einnähme, weder beantwortet noch wurde darauf in irgendeiner Weise reagiert. So eine Frage wird einfach nicht gestellt, oder sie wird überhört. Es ist doch nicht wichtig, ob nun in den Gräbern die Asche der Verstorbenen ist, oder ob das Essen von Kobo Daishi eingenommen wird. Es einfach hinnehmen, es geschehen lassen…

Dennoch, der Okuno-in mit dem Mausoleum von Kobo Daishi, den Grabstätten und Denkmälern mit der Ansammlung von bedeutenden japanischen Namen ist vielleicht das, was am meisten beeindruckt und von Koya-san in Erinnerung bleibt. Wir konnten für ein paar Stunden dem Heiligen nahe sein und uns seines Schutzes in der Zeit erfreuen. Das Weltkulturerbe Koya-san mit den unzähligen, von uns bei dem kurzen Besuch nicht allen entdeckten Schätzen der Menschheit,  wollen wir auf einer nächsten Reise dorthin weiter erkunden.

Von Koya-san fuhren wir in die laute Welt der alten Hauptstadt Kyotos, um dort langjährige Freunde zu besuchen. Auch um die Himmelsleiter von Izanami und Izanagi in Amanohashidate an der japanischen Meerseite sowie die Stadt Ine mit ihrem im Halbkreis um eine weite Bucht angeordneten, drehbuchartigen Hafen wieder einmal zu sehen.

 

 

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Koya-san Teil 2

Leben im Kloster Fugen-in

Als wir zurück zum Fugen-in kamen, wollten wir das Bad für den kommenden Morgen besprechen. Wir hatten ein Familien Ofuro, ein privates Bad, extra gebucht.
Sasaki-san, es stellte sich heraus, dass er der zweite Abt dieses Klosters war, zeigte uns das Ofuro, gleich gegenüber dem Kloster Büro. Wir waren erstaunt. Davor hing ein DIN A4 Papier auf dem handschriftlich stand: „ Für Frank & Miye reserviert von 17:00 bis 18:00“.

Dusche für den nächsten Morgen, kein Problem, nur sollten wir das Bad erst nach dem Frühstück benutzen, damit die Mönche nach dem Servieren des Frühstücks Zeit hätten das Bad für uns herzurichten!

Natürlich nahmen wir an, dass wir das Bad stundenweise mit anderen Gästen teilten. Dem war nicht so, das Bad stand die ganze Nacht nur uns zur Verfügung, und natürlich am kommenden Morgen, nach dem Frühstück. Purer Luxus mit frischem heißen Wasser – ohne Aufpreis und das in einem buddhistischen Tempel.

Unser Domizil liegt im ersten Stockwerk, 12 Tatamis groß, etwa 20 m2, zwei kleine Vorräume, eine Toilette, natürlich mit Washlet, ein Waschbecken im Vorraum zur Toilette. Auch hier wieder hing vor der Türe das handgemalte Schild mit unserem Namen. Für ein Kloster war der Raum ziemlich groß. und die Heizung lief auf voller Kraft. TV und Safetybox waren auch vorhanden.

Gut, dass wir das Bad von 17.00 bis 18.00 Uhr reserviert hatten.

Als wir den Vorraum des Ofuros betraten, das nächste große Erstaunen. Hier sah es aus wie in normalen Ofuros eines Ryokans, Waschbecken, Kämme, Fön. Alles da. Dann das Bad selbst im „Nebenraum“. Also dieses Becken war für mindestens 6 Personen ausgelegt, und jetzt nur für uns beide mit frischem heißem Wasser gefüllt! Außerdem, in Japan wird in öffentlichen Ofuros strikt nach Mann und Frau getrennt, aber hier im Kloster, nur für uns beide. Ungläubiges Staunen. Wir brauchten keine Stunde. Nach 15 Minuten waren wir erfrischt, hatten im heißen Becken die Körper erwärmt, Körper und Haare – natürlich nicht im Becken – gewaschen.

Zum Abendessen wurden wir wieder von unserem jungen Mönch abgeholt. Er führte uns über verschiedene Gänge und Treppen zu einem großen Raum. Er schob die Schiebetüren zur Seite, auf dem Tatamiboden standen zwei kleine Tischchen, vollgestellt mit kleinen Schälchen mit jeder Art von Gemüse. Es war angerichtet wie in einem sehr guten Restaurant. Die Miso Suppe wurde separat gebracht, Reis war in großer Menge in einer Holzschüssel zum Nachschlag vorhanden. Selbst alkoholfreies Bier stand auf unseren Wunsch bereit. So also sah unser „frugales Klosterleben“ aus! Klar, die mehr als 50 Tempel und Klöster in Koyasan sind nicht nur reine Gebetsanlagen, sie nehmen schon seit vielen Jahren Gäste zur Auffrischung ihrer Budgets auf. Also reine Gästeklöster, die sich nach dem Wunsch der Gäste richten. So wie sich der Fugen-in nach unserem Wunsch nach einem Bad gerichtet hatte und uns mit dem Ofuro und all dem anderen, unerwarteten Service überraschte. Von Askese keine Spur. Der Jacobs Weg rückte gedanklich bei uns in weite Entfernung.

Die Nacht war kurz. Wir waren nicht mehr gewöhnt auf wirklich dünnsten, bereits von Generationen durchgelegenen Futons auf hartem Tatami zu schlafen. Also wälzten wir uns hin und her, fanden keine klare Schlafposition und konnten so im Tempel die Geräusche der Schiebetüren hören, wenn andere Gäste über die Gänge huschten, um auf die öffentliche Toilette zu gehen. Ratsch, Schiebetüre auf, Ratsch, Schiebetüre wieder zu. Schlurfen auf dem Gang, dann wieder Ratsch, Ratsch.

Uns wurde jetzt bewusst, dass wir ein Luxuszimmer mit Toilette und Waschbecken gebucht hatten, und wie sich herausstellte es als einzige gewagt hatten das Bad ebenfalls zu buchen und es damit nur für uns zu besetzen.

Mit schmerzenden Rücken standen wir schon um 4:30 auf, packten unseren kleinen Übernachtungskoffer und harrten der Dinge die auf uns zukommen werden. Auf dem Flur hörten wir wieder das häufige Ratsch der Schiebetüren, das Schlurfen der Klosterschlappen. Wir verplemperten die Zeit, bis uns der junge Mönch ermahnte jetzt zur Andacht zu kommen, die pünktlich um, 5:30 beginnen würde.

Schnell in die Schlappen, die vor der Schiebetüre stehen geblieben waren und hinter dem Mönch die steile Treppe zum Versammlungsraum hinuntergeeilt. Am Eingang stand Sasaki-san, er gab uns etwas herrlich riechendes, feines Weihrauch Pulver in die Hand und bat uns bei vielen, gegenseitigen Verbeugungen in den Gebetsraum. Alle kleinen Hocker ringsum, bis auf einen, waren schon von den anderen Gästen besetzt, hatten sie etwa nur noch auf uns gewartet?
Und dann ging es auch schon los.

An der Morgenandacht nahmen alle Mönche des Klosters teil, die Sutras wurden in Sanskrit ein- und mehrstimmig rezitiert und gesungen. Die Mönche saßen dabei hinter einem leicht durchsichtigen Vorhang aus Bambusgeflecht, sie waren zwar dadurch für uns zu sehen, aber nicht so ganz deutlich. Außerdem wurde der große Raum nur von Kerzenlicht erwärmend beleuchtet. Die tiefen Stimmen der Mönche, verbunden mit der monotonen Rezitation, vielen eingebundenen „Ohms“, die Beleuchtung und der Ablauf der Morgenandacht hinterließen bei uns einen tiefen, ja mystischen Eindruck. Eine heilige Stimmung breitete sich aus, als wir aufgefordert wurden zu zweit an den niedrigen Altar zu treten, uns davor kniend auf die Fersen zu setzen, uns mit zusammengelegten Händen zweimal vor der Gottheit hinter dem Vorhang zu verbeugen, eine kleine Prise von dem bereitstehenden Weihrauch Pulver zu nehmen und in die feuerglimmende Schale zwischen den Fingern zu verreiben. Dazu rezitierten die Mönche immer weiter ihre Sanskrit Texte. Es wurden Klangschalen zum Klingen gebracht, Taiko Trommeln angeschlagen. Töne, die etwas Urgewaltiges in uns auslösten. Diese Klänge, der Gesang, die Trommeln, die Klangbecken, sie erreichten uns in unseren Körpern und brachten auch ihn zum Schwingen.

Nach einer halben Stunde war die Andacht für die Gäste des Fugen-in vorbei. Ein junger Mönch führte uns durch das Kloster und zeigte uns die Schätze dieses Hauses. Ganz besonders erwähnen müssen wir den Raum unter der kleinen Pagode. Hier bewahrt der Tempel seinen größten Schatz auf. Wir durften einzelnen herantreten und sehen, dass in einer Art goldenen Monstranz, nur zu sehen durch eine eingebaute Lupe ein Pünktchen der Originalasche von Buddha aufbewahrt wurde. Diese Asche wurde einst von einem Abt des Klosters aus Nepal mitgebracht und wird jetzt hier als größter Schatz aufbewahrt.

Das Bad nach dem Frühstück. Check out, aber nicht ohne, dass uns jeweils ein Talisman und Postkartenbilder des Fugen-in überreicht wurden, verbunden mit der Bitte doch bald wiederzukommen. Selbstverständlich galt das freundliche Angebot im Garten des Klosters den Wagen weiterhin zu parken, sollten wir bei unserem Rundgang durch Koya-san keinen anderen Parkplatz im Ort finden. Davon machten wir dann auch später Gebrauch…

Die vom normalen Leben abgeschlossene Ruhe, die Freundlichkeit von Sasaki-san und den übrigen Mönchen, die Möglichkeit das Innere eines Klosters überall betreten und auch bewundern zu dürfen ließen in dem Augenblick den Wunsch nach weiteren Nächten im Fugen-in aufkeimen. Doch, wie immer, wir hatten ein weiteres Programm…..

 

 

 

 

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Koya-san Teil 1

Koya-san ein Bergplateau 900 m ü.M. 

Auf dem Weg vom Kumano Hongu-Taisha Shrine geht es zunächst durch die malerischen Zedernwälder mit ihren ebenmäßig gewachsenen Baumstämmen, über eine langgezogene Bergstraße, danach über eine gewundene, nie enden wollende Passtrasse nach Koya-san, unserem heutigen Ziel.  Als wir uns auch noch hinter einem Bus einklemmen lassen mussten, ging es nur mit maximaler Geschwindigkeit von 40 km/h weiter. Ein Geduldsspiel, gut dass jeder Ausländer in Japan im Laufe der Jahre „tätige Geduld“ lernen – durch ertragen – muss. Hier kommen uns unsere jahrelangen Geduldsübungen entgegen. In dieser Bilderbuch Landschaft konnten wir es sogar genießen langsam fahren zu müssen. Immer wieder bewaldete Bergrücken mit den kerzengeraden Stämmen der Zedern-, Zypressen- und Pinienbäume. Abwechselnd tiefe Täler und alpine Spitzkehren. Endlich der Abzweig nach Koya-san, eigentlich müsste es heißen nach Mount Koya, so wie der Fuji-san, Mount Fuji heißt.

Ein kurzer geschichtlicher Rückblick auf Kukai, später mit dem Titel Kubo-Daishi versehen. Denn er war es, der ab dem Jahr 819 Koya-san gegründet hatte.

Wir erinnern uns, als wir vor zwei Jahren auf der Insel Shikoku, eine der vier großen Hauptinseln Japans, waren. Dort hatten wir die ungezählten Pilger in ihren weißen Gewändern beobachtet, die 88 Tempel auf Shikoku im Sinne von Kukai zu Fuß erwanderten, oder besser gesagt ersteigen mussten. Siehe auch unser Bericht vom 16, November 2014
unter http://shoganai.com/eine-reise-nach-shikoku/

Kukai (774-835) war ein nur 19 Jahre junger Mönch, der in einer Höhle am Cap Muroto auf Shikoku meditierte und von seinem Platz aus nur den Himmel und das Meer sehen konnte. Daher bekam er den Namen Kukai, was so viel heißen soll, „der, der nur den Himmel und das Meer sieht“ (Ku– Himmel, Kai – Meer). Natürlich hatten wir damals versucht aus der immer noch für ihn gepflegten Höhle heraus genau diesen Blick auf Himmel und Meer nachzustellen, was uns leider nicht so ganz gelungen war. Vielleicht fehlte es uns auch am Ernst, oder im Laufe der Jahrhunderte hatte sich die Landschaft entsprechend verändert. Wir hatten damals beschlossen uns mit Kukai näher zu beschäftigen:

Der Sage nach warf Kukai seinen Sanko, einen kleinen zeremoniellen Nimbus, aus China genau an die Stelle, wo heute in Koya-san ein Kieferbaum wächst. Von dieser Stelle aus wollte Kukai, der ab da den Titel Kobo Daishi erhielt, 806 seine Erkenntnisse in Japan lehren und verbreiten.

Der damalige Kaiser Saga erteilte ihm im Jahr 816 die Erlaubnis eine Kloster Anlage zu errichten. Genau an diesem Ort, auf dem Hochplateau, eingerahmt von acht bewaldeten Berggipfeln und weit ab von den Störungen der japanischen Hauptstadt Kyoto, die damals nur zu Fuß zu erreichen war. Soweit zur Historie.

Unser erster Eindruck bei der Einfahrt in die Stadt:
Rechts der Straße Wälder mit alten, hohen Bäumen, dahinter ein sich an der Straße entlang ziehender Friedhof. Auf der linken Seite reihen sich später Geschäfte an Geschäfte, bei einbrechender Dämmerung sieht es so aus, wie man sich auf den ersten Blick die Prachtmeile von Oberstdorf vorstellen könnte. Ein Wintersport Ort im Herbst, nur ohne Schnee.

Dann sehen wir auf der rechten Straßenseite die ersten Tempelanlagen umgeben von den Japan-typischen, ockerfarbigen Tempelmauern. Jeweils hinter massiven, herrlich dekorierten, hölzernen Eingangstoren versteckt, die eigentliche Kloster- oder Tempelanlage. Jetzt sieht es nicht mehr aus wie in Oberstdorf, es ist richtig Japanisch. So stellt sich der Ausländer das alte Japan vor, Tempelanlage an Tempelanlage. Koya-san zieht sich an der langen Straße entlang, mit nur wenigen Abzweigen. Die Straße endet in einem großen Parkplatz, zugestellt mit den in Japan so unvermeidlichen Reisebussen. Mit einem kurzen Blick erhaschen wir einen Weg, der zu einer rot-weißen, einstöckigen Pagode führt. Ein malerisches, japanisches Bild in der Abenddämmerung.

Wir waren zu weit gefahren, hätten eine Straße vorher nach rechts abbiegen müssen, um zur Tempelanlage Fugen-in zu kommen. Hatten wir es bisher nicht gewagt durch das imposante Eingangstor in einen Tempelbezirk mit dem Auto einzufahren, hier mussten oder durften wir es tun, der Fugen-in war unser gebuchtes Nachquartier..

Check-in im Fugen-in

Wir parkten das Auto inmitten eines gepflasterten Gartens innerhalb der rechteckig angeordneten Tempelgebäude. Ein junger Priester nahm den Autoschlüssel entgegen, er werde den Wagen später richtig einparken. Valet Parking Service im Fugen-in Tempel!

Beim Betreten des Hauptgebäudes Schuhe ausziehen, sie blieben auch draußen. Im Gebäude trugen wir ab jetzt nur noch die in Japan allseits bekannten braunen Schlappen. Anmeldung im Büro des Fugen-in. Der für die „Rezeption“ zuständige Mönch, Sasaki-san rief uns ein lachendes „irasshai-mase“, Willkommen zu und machte uns mit dem strengen Ablauf im Kloster vertraut. 18:00 Abendessen, wir werden im Zimmer abgeholt. 5:30 Morgen Andacht.

Der junge Mönch zeigte uns den Treffunkt für die Morgenandacht und anschließend unser heutiges Domizil.

Der Kondo
Noch vor dem Bad und Abendessen machten wir einen ersten Erkundungsgang zum wichtigsten Teil des Koyasan. Wanderten auf dem Weg, den wir vom Auto vorab gesehen hatten, den Kongobuji Weg zum Kondo, dem zentralen Tempelbezirk, der nach Kobo Daishis Vision ab 819 hier errichtet wurde. Ein eindrucksvolles Ensemble mit dem imposanten Kondo, der Vortragshalle als zentralem Tempel. Umstanden wird der Kondo großflächig von verschiedenen weiteren Tempeln, u.a. dem mit einem Holzdach versehenen Fudo-do, das heute älteste Gebäude des Koyasan. Dieses Gebäude vereinigt die aristokratische Residenz Architektur aus der Heian Zeit (794 – 1185) mit der japanisch-typischen Tempel Architektur. Daneben die mächtige, einstöckige, rot-weiße Pagode (Stupa) der Konpon-Daito. Interessant ist, dass an einem Ende dieses rein buddhistischen Platzes der Miyashiro Shrine für die Shinto Götter errichtet wurde, die über den Koya-san wachen sollten. Es war zu der Zeit von Kobo Daishi nichts Ungewöhnliches, dass in einem buddhistischen Bezirk die alten vertrauten Shinto Gottheiten den Schutz übernehmen sollten.

Das war nur unser erster Eindruck. Morgen wollen wir Koyasan weiter entdecken.

 

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Kumano Kodo dritter Teil

Kumano Hayatama Taisha

Der Shrine in Shingu ist Ziel der Pilger, von Ise nach Koyasan und Yoshino, einer der drei heiligen Stätten des Kumana Sanzan, der drei Grand Shrines von Kumano. Das Beeindruckendste an diesem Shrine für uns waren zwei Ausländer. Ein Holländer und eine Studentin aus Gambia.
Die Beiden standen etwas abseits des Eingangs und hielten Papiere in der Hand. Wie das so bei Begegnungen unter Ausländern in Japan üblich ist grüßten wir uns. Wir kamen ins Gespräch. Beide Studenten hatten von der Stadt Shingu den Auftrag erhalten Fragebögen an Japaner und Ausländer zu verteilen und an Ort und Stelle ausfüllen zu lassen. Solche Fragen! Nichts passte auf uns, wir kamen nur kurz zu Besuch, waren gerade angekommen, wollten nicht in der Stadt wohnen, gaben dort auch noch kein Geld aus, was sollten wir da schreiben, wie viel Yen wir in Shingu ausgeben wollten… Brav füllten wir die Fragebögen aus, hatten dabei jede Menge Spass in der Unterhaltung auf Japanisch, Deutsch und Englisch. Zum Schuss ein freundliches, holländisches „tot ziens“, Auf Wiedersehen. Der Shrine selbst beeindruckte uns nicht so sehr, vielmehr machten wir uns selbst Druck, denn wir wollten in den Bergen, die sich weit hinter der Uferebene aufbauten, noch den zweiten Grand Shrine von Kumano sowie den Nachisan Seiganto-ji Tempel besuchen. Ausserdem wollten wir gegen fünf Uhr, also noch bei Helligkeit, zurück im Kumano Club sein, pünktlich zum pompösen Abendenssen, das wir für sechs Uhr bestellt hatten.

Der Kumano Nachi-Taisha

Die Fahrt nach Navi über sehr gut ausgebaute Bergstrassen endete in einem in den Bergen hoch gelegenen Ort. Überall Einweiser, die uns auf ihre teuren Parkplätze locken wollten. Doch das Navi gab an, dass wir noch lange nicht am Ziel seien. Mehrfach verfuhren wir uns, da wir nicht glauben wollten, dass der Nachi-san immer noch höher versteckt in den Bergen lag und nur über enge, alpin gewundene, kurvenreichste Sträßchen zu erreichen war. Der Parkplatz direkt unterhalb des Tempels war allerdings auch doppelt so teuer, wie unten im Dorf. Der Nachi-san ist der erste Tempel von dreiunddreissig heiligen Orten, die früher von den Pilgern, natürlich zu Fuß, besucht wurden. Er geht zurück auf das 4. Jahrhundert, als ein Mönch unter dem nahegelegenen, heute von japanischen Fremdenverkehrs- Prospekten weithin bekannten Wasserfall, seine asketischen Übungen machte.

Das eindrucksvolle, rote Haupteingangstor der Sanmon wurde 1590 durch Toyotomi Hideyoshi, dem Mann der Japan geeint hatte, rekonstruiert. Die gesamte Anlage wurde mehrfach von Feuern zerstört. Erst 1972, nachdem 300 Jahre vergangen waren, wurde die imposante dreistöckige Pagode zwischen den Gebäudeteilen des Tempels und dem grossen Wasserfall wieder aufgebaut. Sie bildet zusammen mit dem Wasserfall eine wundervolle Szenerie, ein wahres Muss für jeden Fotofreund.

Leider waren wir kurz vor vier Uhr gerade zu der Zeit angekommen, als die Türen an den einzelnen Gebäuden geschlossen wurden. Deshalb vielleicht auch der schnell verfügbare Parkplatz vor den Templetreppen. Auch wenn dies ein bedeutender heiliger Platz in Japan ist,  uns beeindruckte mehr die Anfahrt, die jegliche Fahrkunst und Mut des Fahrers erfordert sowie die bewaldete Landschaft, als die einzelnen Gebäude der Tempelanlage auf dem hochgelegenen Ort. Richtig ergriffen waren wir diesmal wieder einmal nicht. Wir konnten ja auch nicht immer die Gefühlswelt vom Naiku in Ise oder vom Hana-no-Iwaya Shrine in Kumano in uns wach rufen.

Noch rechtzeitig kamen wir bei einsetzender Dunkelheit zum Dinner

Anfahrt nach Koyasan

Am nächsten Tag auf dem langen Weg nach Koyasan hatten wir uns zwei Zwischenziele vorgenommen.

Maruyama Senmaida, das Dörfchen am Tori-toge Pass mit den über 1000 terrassenförmig angelegten Reisfeldern und den Hongu-taisha Shrine

Maruyama Senmaida

Es wurde uns berichtet, dass wir auf unserem Weg nach Koyasan die schönsten Reisfelder Japans sehen könnten, und ein Besuch dringend empfohlen sei. Senmaida heißt 1000 Reisfelder. Wieder ging es in die Berge. Wir fuhren nach Navi, bis wir plötzlich auf den Club-Bus, der uns noch am Morgen noch zum Parkplatz gefahren hatte, auffuhren. Er wollte die Leute aufsammeln, die die weitere Pilgertour an diesem Tag gebucht hatten. Zunächst blieben wir hinter ihm, bis er von der Strasse abbog, genau dort, wohin uns das Navi führte. Ein Parkplatz. Dahinter eine enge Brücke, die in einen steil aufsteigenden Wald führte. Das konnte niemals die Strasse nach Maruyama Senmaida sein. Also fragten wir den Fahrer des Busses, „Ja, das ist der richtige Weg. Ist sehr steil, sehr eng, seien Sie vorsichtig, denn es könnten Autos entgegen kommen“. Na ja, die richtige Einstimmung. Über die enge Brücke, dann ging es wirklich sofort steil bergauf. Als uns in einer Biegung noch drei Leute entgegenkamen mit Bambusstöcken als Stützen bewaffnet, erkannten wir einen Hotelgast und den Führer wieder. Das also war der von uns abgesagte Tori-Toge Pass, der Bus unten wartete auf sie, um sie wieder zum Kumano Club zu fahren. Wir waren froh im Auto zu sitzen und nicht diesen besonders steilen, beschwerlichen Weg mit „gewandert“ zu sein. Dennoch, auch im Auto konnte es ungemütlich werden, wenn die Strasse so eng wurde, dass wir schon aufpassen mussten nicht mit einem der Räder in den offenen Abwasserkanal auf der Seite des Berghangs zu rutschen. Wie konnte es sein, dass das bekannte Bergdorf nur über so eine enge Strasse zu erreichen war. Als uns dann noch ein Kleinlaster entgegenkam, mussten wir an einer gerade dort plazierten Ausweichstelle kurz zurücksetzen und sehr präzise fahren, Millimeterarbeit. Dankbare Verbeugungen von beiden Seiten, und dann sahen wir Maruyama Senmaida zum ersten Mal. An einem weiten, teilweise steilen Berghang zogen sich hunderte von grünen Reisterrassenfeldern den Berghang hinauf. Geschwungen, ineinandergreifend. Wunderbar. Im Dorf mit nur ein paar Häusern angekommen stellten wir das Auto ab und liessen uns von diesem Anblick aus einer dafür vorgesehenen offenen Hütte berauschen. Wir hätten solche Felder in Indonesien erwartet, aber nicht in Japan.

Diese Gegend war früher sehr arm gewesen. Die Bauern legten über die vergangenen Jahrhunderte über 2.400 solcher Terrassen an, um Reis anzupflanzen, die Felder zu bewässern, zu pflegen und zu ernten. Mühseligst. Im Laufe der Zeit wurden die Terrassen immer weniger, einige verkamen total, die jungen Leute wanderten fort, die Alten konnten die mühevolle Arbeit nicht mehr machen. Das ist vielleicht vergleichbar mit den Teeplanatgen um Wazuka, bei KyotoUji, wo die Alten mehr in die Teefelder an den niedrig gelegenen Straßen gehen, während die noch verbliebenen, wenigen jungen Leute die Felder weiter oben an den Berghängen bewirtschaften dürfen. Heute bietet sich uns ein so schönes Natur- und Menschen- gemachtes Bild von immer noch weit über 1.000 solcher Reis-Terrassenfeldern. Manche „Felder“ sind dabei so klein, dass gerade mal 3 Reispflanzen angesetzt werden können. Soweit das Auge ins ferne Tal reicht, die terrassenförmig angelegten Reisefelder von Maruyama. Der Blick ist nicht nur schmeichelnd für unsere Augen, es sind auch die Gedanken an die Mühen und die harte Arbeit, die dahinter steckt, die uns diesen bewundernden Moment bescheren.

Es ist Herbst, die Zeit nach der Ernte, die Terrassen sind ausgetrocknet, aber trotzdem immer noch sehr beeindruckend. Wir beschliessen einmal in der Zeit von Mai bis Juni wieder hierher zu kommen, wenn die Terrassen mit Wasser gefüllt sind, und die ersten grünen Reishalme die Landschaft in ein helles, grünes Licht tauchen.

Auch von diesem Anblick müssen wir uns losreissen.
Das nächste Ziel ist der letzte, der dritte der Kumano Grand Shrines, der Hongu-Taisha Shrine.

Kumano Hongu-taisha Shrine

Die Fahrt führt uns eine ganze Weile am Kumano Fluss entlang. Eine typische japanische Berglandschaft. Immer wieder hohe, dichte Zedernwälder, fotoreife, rote Brücken über den Fluss, viele Tunnel mit Längen von bis zu 3 km. Dann erreichen wir schon in der Nara Präfektur den Hongu-taisha. Ehemals lag er inmitten eines Fluss Dreiecks, wurde aber vor vielen Jahren dort von Taifunen weggespült und danach an erhöhter Stelle wieder aufgebaut. Noch heute konnten wir vor dem hohen Treppenanstieg zum Shrine sehen, wie hoch der Taifun noch im vergangenen Jahr die Wassermassen getrieben hatte. Die Gebäude dort sind jetzt teilweise in Beton wieder aufgebaut worden um dem nächsten Taifun mit seinen Stürmen und Wassermassen wiederstehen zu können. Wir dachten sicher, weit im Landesinneren in einer Bergwelt mit schützenden Zedernwäldern zu sein, unvorstellbar, dass hier Taifune solche Verwüstungen anrichten können.

Die Steinstufen zu diesem und den vorherigen Shrinen entwickelten sich an diesem Tag zu einer wahren „Trimm Dich“ Aktion. Stufe um Stufe, keuchend, auf die von den vielen Treppenstufen in den vergangenen Tagen bereits geschundenen Knie achtend, hinauf zum heiligen Hongu-taisha.

Ein rechteckiger Vorplatz mit einem Shrine, diesmal ohne roten Anstrich. Der Zugang zum verbotenen Inneren jeweils mit einem Tor verschlossen. Vor den Toren eine Möglichkeit die Sonnengättin Amaterasu, die Urahnin des japanischen Kaiserhauses, Susanoo-no-Mikoto, den Gott des Zornes, ihren jüngeren Bruder und ihre Eltern Izanami und Isanagi, die mythologischen Gründer Japans anzubeten. Genau in der Reihenfolge. Geld in die grosse Truhe werfen, sich verbeugen, zweimal in dier Hände klatschen (Gott muss Dich auch bermerken), seinen Dank für etwas sehr Persönliches aussprechen, sich verbeugen und weiter zu Susanoo, dem nächsten Gott. Wieder Geld einwerfen, wieder Geld einwerfen…

Auf diese Art und Weise lernt jeder Ausländer sich richtig in Japan zu verbeugen, eine Verbeugung ist etwas, das wir zwar zu Hause noch gelernt haben, das aber in unserer schnellen Welt keinen Wert an sich mehr darzustellen scheint. Der Besuch von Tempeln und Shrinen in Japan ist ein gutes Training, zwingt dazu der Verbeugung wieder einen Wert beizumessen.

Am Fluss, hinter einem hohen Deich hatten wir eine riesiges, graues Torii gesehen, normalerweise das Zeichen für den Eingang zu einem Shinto Shrine. Wir wanderten bei schönstem Sonnenlicht neben Reisfeldern zu diesem Torii. Auf halbem Weg schlängelte sich eine etwa 1 m lange Schlange am Wegrand, sie kam aus den Reisfeldern und wollte uns sicherlich jetzt begrüssen. Unser Anblick gefiel ihr dann doch nicht, sie glitt in den offenen Kanal zwischen Weg und Reisfeld zurück und ward nicht mehr gesehen.

Das Torii ist bestimmt 30 Meter hoch, es ist aus Beton, das Symbol für den Eingang zum früheren Hongu-taisha, der in einiger Entfernung gestanden hatte, von Wassermassen weggerissen wurde und jetzt umgeben von hohen Zedernbäumen nur noch mit seinen Grundmauern zu besichtigen ist.

Wir beschliessen weiter zu fahren. Das Ziel ist jetzt Koyasan, wo wir endlich als „Pilger“ die Nacht im Fugen-in Tempel verbrigen wollen.

 

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Kumano Kodo zweiter Teil

Am kommenden Morgen, zuerst mal ein heisses Bad auf der Terrasse unseres Zimmers im Kumano Club. mehr…

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Kumano Kodo ersterTeil

Kumano Kodo (auf alten Pilgerpfaden in Kumano) erster Teil mehr…

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Der Ise Shrine Teil 2

Morgens 5:30 – die Toröffnung am Naiku

Wir machten uns am kommenden Morgen schon um 4:30 auf zur Toröffnungszeremonie am Naiku. mehr…

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