Reise zu den “versteckten Christen” Japans / Teil 3

Nachdem wir in Nagasaki unsere erste Berührung mit den „versteckten Christen“  bekommen haben, wollen wir uns jetzt auf Spurensuche nach diesen ersten Christen begeben, die vor ca. 500 Jahren in der Umgebung von Nagasaki gelandet sind. Auch für uns geht die Geschichte Japans durcheinander. Wann fand was statt, die Landung der ersten portugiesischen Padres, die Gründe für die schnelle Verbreitung des Christentums in Japan, später die Gründe für die Verbote, Verfolgung, Folter und Kreuzigungen, die Abgeschlossenheit (Sakoku) Japans bis zur Wiederzulassung der Religionsfreiheit sowie die Anzahl der Christen im Verhältnis zur Bevölkerung. Deshalb zunächst einmal kleine Zahlenspiele zur Orientierung und als Grundlage:

Bevölkerung Japans und Anteil der Christen
Bei einer heutigen japanischen Bevölkerung von ca. 128 Mio. wird die Anzahl der Christen auf  etwa 2 Millionen geschätzt, das würde bedeuten, dass 1,5% der japanischen Bevölkerung heute als Christen bezeichnet werden können. Alleine in der Provinz Nagasaki sind 65.000 Katholiken ansässig.

Im Jahr 1630, in dem das Christentum in Japan seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte, dann verboten wurde, lebten ca. 18 Mio. Menschen in Japan. Schätzungen des Vatikans zufolge gab es damals 300. – 400.000 Christen, was einem Durchschnitt von 2% entsprechen würde.

Ein Blick zurück in die Geschichte…

1517 : Martin Luther schlägt seine 95 Thesen an die Wittenberger Kirche
1543 : landeten die ersten Portugiesen auf der Insel Tanegashima in Japan
und stellten dort erstmalig ihre Gewehre vor.
In Europa prägte Nikolaus Kopernikus unser heutiges heliozentrisches Weltbild.
1549 : Pater Francis Xavier, ein portugiesischer Jesuiten Pater, kommt nach Nagasaki
1550 : eröffnet Xavier die erste Missionsstation in Hirado, heute in der Präfektur Nagasaki
1563 : taufte Xavier den mächtigen Fürsten Omura Sumidata (1533-1587) und bekommt
mit Fürst Omura einen mächtigen Fürsprecher für die Verbreitung des katholischen
Glaubens in Japan.
1569 : Fürst Oda Nobunaga, der einflussreiche Vorkämpfer für die Einheit Japans,
(der als erster das von den vielen Kriegen unter den Fürsten (Daimyo) zerrüttete Japan einigen wollte), erteilt die Erlaubnis in Kyoto, der damaligen Hauptstadt Japans, eine katholische Mission zu errichten.
Der katholische Glauben konnte sich somit offiziell in Japan verbreiten.
1570 : entscheidet sich die Jesuitische Gemeinde und Fürst Omura Sumidata Nagasaki als Handelshafen anzulegen, so dass sich Nagasaki ab 1571 vom kleinen Fischerdorf zum internationalen Handelshafen entwickeln kann.

Hier wurde der sogenannte „Nanban Trade“ (Handel mit den Süd-Barbaren – den Portugiesen über Indien, Philippinen etc.) abgewickelt. Import von Rohseide und Textilien, Medizin, Waffen und Kunstwerken. Export von Lackwaren und Kunstgegenständen.
Um es mit den Zahlen nicht allzu trocken zu gestalten, eine kleine Story zum Nanban Trade:
Im japanischen Restaurant SUMI in Düsseldorf ist eine unserer Lieblingsgerichte „Chicken Nanban“, das kommt aus der  beschriebenen Zeit und bedeutet gebackene Hühnchen mit süßlich pfeffriger Tartar Soße (indische Gewürze, fremdartiger Geschmack). Japaner nennen heute übrigens solche exotische, s.g. Ethnic Cuisine – Nanban Ryori.

1579 : 26 Märtyrer werden in Nishizaka, Nagasaki, gekreuzigt
1582 : Der Gregorianische Kalender wird in vielen katholischen Ländern eingeführt
1587 : Toyotomi Hideyoshi, Nachfolger des bei einem Attentat ums Leben gekommenen
Oda Nobunaga, lässt christliche Missionare ausweisen
1598 :Tokugawa Ieyasu, der erste Tokugawa Shogun, erlaubt Franziskaner Padres
in Japan zu missionieren und weitet den Handel mit Manila auf den Philippi-
nen aus.
1602 : beginnen auch Dominikaner vom St. Augustin Orden in Japan zu missionieren,
der Handel mit dem Ausland weitet sich aus.
1614 :Tokugawa Ieyasu verbannt das Christentum in Japan, untersagt jedes Missio
narisches Arbeiten, aber im Geheimen geht die Missionsarbeit weiter
1618 : In Mitteleuropa beginnt der 30 jährige Krieg (-1648 zum Westfälischen Frie
den)
1633 : Die Padres Gonzales und Lorenzo Ruiz werden in Nagasaki gefoltert und er-
schlagen
1635 : Sakoku Edikt – Abschottung Japans unter dem Tokugawa Shogunat beginnt,
um den wachsenden ausländischen Einfluss auf die japanische Politik zu be
enden
1637 : Christliche Bauern revoltieren gegen zu hohe Abgaben (Shimabara Rebellion)
1644 : Die japanische Kirche arbeitet nur noch im Geheimen im Untergrund
1853 : Admiral Matthew Calbraith Perry erzwingt die Öffnung Japans,
Ende der Abschottung – Sakoku
1854 : Matthew Perry zwingt Japan zur Unterzeichnung des Handelsvertrags mit
Amerika, später folgen Verträge mit Frankreich und anderen Ländern,
Öffnung Japans
1865 : Die „versteckten Christen“ bekennen sich zu ihrem Glauben an der Oura Ka
thedrale in Nagasaki
1871 : Gründung des Deutschen Reichs

Das ist die Zeitspanne, in die wir uns zurückversetzen als wir von Nagasaki aus auf Spurensuche gingen.

Der Jesuitenpater Francis Xavier ging in Belem vor Lissabon an Bord eines Segelschiffes nach Goa und von da landete er 1549 auf der japanischen Insel Kyushu, im Süd-Westen Nagasakis. Bis zu seiner Ankunft gab es in Japan den traditionellen Shinto Glauben mit seinen polytheistischen acht Millionen (das heißt unendlich vielen) Göttern mit der am heiligsten verehrten Sonnengöttin „Amaterasu-Omikami“, der mythischen Begründerin des japanischen Kaiserhauses (siehe auch unseren Bericht über den Ise Jingu ). In der Zeit um 600 wurde dazu der Buddhismus eingeführt. Buddhismus und Shinto koexistieren seit dieser Zeit in Japan

Seit 1192 tobten unter den Daimyos härteste Kämpfe um die Vormachtstellung in Japan. Das Land war durch die vielen Kriege in einem chaotischem Zustand, gerade zu der Zeit, als Nobunaga Oda Japan so einigermaßen vereinigt hatte, landete Pater Xavier 1549 in Nagasaki und verbreitete den christlichen Glauben. Die Menschen, Bauern und Fischer, waren sehr arm, die Abgaben an ihre lokalen Fürsten hoch, sie waren ständigen Repressalien ausgesetzt, und sie wurden nicht als Menschen geschätzt und behandelt. Dann kamen diese sanften, smarten, ausländischen Padres, die sie zum ersten Mal als Menschen betrachteten, ihnen halfen ihren harten Alltag zu erleichtern und ihnen versprachen, dass sie mit den heiligen Sakramenten versehen nach ihrem Tod ins Paradies einziehen würden. Erst war es die Neugier der Fürsten an der fortschrittlichen europäischen Kultur, dann kamen dazu ihre geschäftlichen Interessen. Die armen Leute, die Bauern und Fischer träumten vom Paradies.
Wer ist dann nicht offen für eine neue Religion der Jesuiten?

Das repressive Umfeld, die Behandlung als Menschen, die Unterstützung den Alltag erträglicher zu machen und das Versprechen auf das Paradies nach dem Tod eröffnete den Padres das Herz der damaligen Menschen. Es entwickelte sich eine Marienverehrung. Dazu kam, dass Japaner, wenn einmal überzeugt, ernsthaft den neuen Glauben annahmen und ihn dann auch in ihren Alltag integrierten. Bei den am Christentum interessierten Fürsten gab es solche, wie beispielsweise der Fürst Omura Sumidata, die von der Religion überzeugt waren und dann zu Christen wurden. Andere ließen sich taufen, um nur ja nicht die Zeichen der Zeit, d.h. das neue Geschäft mit den Nanban-jin, den Südbarbaren zu verpassen.

Shusaku Endo und sein Buch „Schweigen“
Über all das hat der japanische Schriftsteller Shusaku Endo (1923-1966) das Buch „Schweigengeschrieben, in dem er von der enormen Kraft des menschlichen Glaubens und dem Überlebenskampf des portugiesischen Priesters Rodrigo berichtet.
Er schildert die Verfolgung der Christen durch das japanische Shogunat. Wobei bei all dieser Grausamkeit der damaligen Zeit zur Durchsetzung der Abschottung Japans, immer wieder die Frage gestellt wird: „Wie kann Gott dabei zusehen und schweigen?“ Überhaupt scheint „Schweigen“ bei Folter und Ungerechtigkeit auch für den Einzelnen die einzige Möglichkeit zu sein zu überleben….

Das Buch von Shusaku Endo wurde von Martin Scorcese 2016 als Film „Silence“ verfilmt.

Wir besuchen, etwa eine dreiviertel Stunde mit dem Auto von Nagasaki entfernt, in Sotome zunächst das Shusaku Endo Museum, um uns einen Überblick über sein Werk „Silence“ zu verschaffen. Er ist einer der größten zeitgenössischen Schriftsteller Japans. Das Museum liegt direkt oberhalb der Sumo See mit weitem Blick über kleinere Felsen im Meer in Richtung der Goto Inseln, auf der sich die meisten Christen der Verfolgung entziehen wollten. Wir entdecken nicht weit entfernt Felsgruppen im Meer, die an die Eingangsszenen aus dem Film „Silence“ erinnern und fühlen uns, auch weil wir alleine im Museum sind, in die Zeit Mitte des 17. Jahrhunderts versetzt. Hier spielte sich das ab, was Endo in seinem Buch beschrieben hat. Wir können es förmlich spüren.

Pater de Rotz und Ohno Kirche
Ganz in der Nähe, weit oben in den hinter den vom Meer her steil aufsteigenden Bergen liegt die Ohno Kirche, die von einem französischen Pater de Rotz, im Japanischen Pater DoRo, 1893 erbaut wurde. Sie dient noch heute 26 Familien in der Umgebung als Ort für Gebet und Zusammenkünfte. Vor der kleinen Kirche aus Felssteinen gebaut, die weiße Marienstatue. Das kleine Gebäude ist architektonische Grundlage für die Menschen in Sotome.

Von Pater DoRo (seit 1873 wurde die Religionsfreiheit in Japan wieder eingeführt, er kam 6 Jahre später nach Shitsu in die Sotome Gegend) haben sie gelernt wie man Tsunami-resistente Gebäude errichten kann, welche Dachkonstruktion zu wählen ist und wie das steil aufsteigende Land durch abgestützten Terrassenbau bewirtschaftet werden kann. Innen ist die kleine Kirche sehr einfach gehalten, fast frugal. Die Fenster sind geöffnet, wir können uns dadurch die Details des Altars an-sehen, einfach, wirklich sehr einfach. Von hier oben kann der Blick unge-stört über das Meer schweifen, immer wieder diese kleinen Felsgruppen, die uns an den Film erinnern. Wir fühlen uns tatsächlich zurückversetzt, unsere Gedanken schweifen ab. In diesem kleinen Gebäude, errichtet 1893 können wir erkennen, was es bedeutet haben muss, Mitte des 17. Jahrhunderts Christ in Japan gewesen zu sein. Dabei erinnern wir uns an den Spruch auf dem „Silence“ Monument in der Nähe von Endos Museum: „Menschlichkeit ist so traurig, Gott, und der Ozean ist so blau“.

Pater Bastian
Auf einem kleinen Schild lesen wir, dass die versteckte Waldhütte des japanischen Bruders Bastian nur ein paar Kilometer entfernt zu finden ist. Wir fahren auf abenteuerlichen Wegen mit unserem Carsharing Toyota der angegeben Route nach. Verfranzen uns immer tiefer in endlosen Wäldern, auf- und abführenden Wegen, bis wir nach doch längerer Zeit einen Hinweis auf die Hütte von Bruder Bastian finden. Wir fahren in den Waldweg hinein, müssen aber feststellen, dass das eine Sackgasse ist. Also Rückwärtsgang und mit aller Fahrkunst auf engstem Raum kommen wir auf den Abzweig zurück, wo wir das Auto einfach am Wald stehen lassen und zu Fuß zur Bastian Hütte marschieren. Der Weg wurde für Leute wie uns von helfenden Händen ausgebaut, aber jeden Schritt, den wir tiefer in den Wald nach unten gehen, müssen wir später wieder aufsteigen. Unsere Neugier und das Gefühl einmal zu verstehen, wie es sich angefühlt haben muss, so tief versteckt im Wald zu leben, treiben uns weiter.

Pater Bastian war ein japanischer Bruder, der in den 1640 er Jahren anstelle der geflüchteten oder bereits getöteten portugiesischen Padres aus dem Untergrund heraus Taufen und Gebete mit der Gemeinde abhielt. Er musste sich in der Hütte, die wir suchten,  verstecken. Dort hatte er, tief im Wald verborgen gelebt und seine Christen in der sehr weiten Umgebung betreut. Immer unter dem Eindruck von den Regierungstruppen gefunden und dann gefoltert und getötet zu werden.

Endlich hatten wir die Steinhütte gefunden. Natürlich sorgsam gepflegt und wiederaufgebaut. Diese Stelle zu finden dürfte in den Jahren 1640 und folgenden schwierig gewesen sein, doch die Gefahr seiner Entdeckung können wir auch heute noch nachvollziehen. Wir möchte keine Nacht hier verbringen. Im Inneren gibt es kleine Gebetsstellen, wir nehmen an, dass heute noch Gläubige hierherkommen, um Bruder Bastian auch viele Jahrhunderte später dankbar ihre Aufwartung zu machen und mit ihm zu beten.
Als wir danach weiter zur Shitsu Kirche fahren, kommen wir an einzelnen kleineren Höfen vorbei, hier haben sicherlich die damaligen Gläubigen gewohnt, ihre Nachkommen sind immer noch Christen und wohnen weit ab von den „Errungenschaften“ unserer modernen Zeit. Unsere Gespräche und Vorstellungen, wie diese Leute die lange Zeit des Versteckens als Christen, über mehrere Generationen hinweg, durchgehalten haben, lässt uns fragen: wie stark muss ein Glaube sein, um im Verborgenen über die Zeitspanne von 250 Jahre Christ zu bleiben? Was ist es, das diese Menschen noch immer fest an Gott glauben lässt? Was ist das Samenkorn, das die Padres aus dem fernen Portugal den Menschen hier vor so langer Zeit eingepflanzt haben und das noch heute als Glaube an Gott aufgeht? Warum konnte der Glaube an den Einen Gott im Gegensatz zum japanischen Shinto mit seinen unzähligen Göttern so lange überleben?
Unsere Antwort darauf war allerdings auch „Schweigen“. Oder hatte Bruder Bastian recht, der seiner Gemeinde 30 Jahre nach der Verbannung der Christen prophezeit hatte: „Jeder von Euch  soll mein Sohn und meine Tochter sein bis hin zur siebten Generation. Dann wird ein Priester mit einem schwarzen Schiff kommen und Ihr werdet Euch jeden Tag zu Euren Glauben bekennen können.“  So ist es dann auch gekommen. Das schwarze Schiff waren die Amerikaner, die unter Admiral Matthew Perry Japan zunächst zur Öffnung des Landes und danach zur Unterzeichnung eines Handelsvertrags mit Amerika, Frankreich und anderen Ländern gezwungen hatten. Das bedeutet die Öffnung Japans. Wir waren der Erklärung für die über Generationen hinweg, lange Ausdauer der „versteckten Christen“ näher gekommen.

Shitsu Kirche
Wir versuchen eine Antwort in der Shitsu Kirche zu erhalten. Nur wenige Kilometer entfernt von der Hütte des Bruders Bastian. Hier wirkte wieder der Franzose Pater de Roz auch DoRo genannt und ließ die Kirche 1882 bauen. Die Außenmauern des langgezogenen Kirchenschiffes  sind niedrig gehalten, sie müssen den starken Winden vom Ozean, der Somo See, standhalten.

Auch hier wieder, wie überall in Japan, wenn man in Gebäude eintritt: Schuhe ausziehen, auf Socken in die kalte Kirche. Wir treffen auf einen älteren Herrn in der gelben Jacke, die ihn als Christen im  Ehrenamt ausweisen, im Gespräch mit zwei Damen – Mutter und Tochter. Sofort kommen wir mit den Dreien in eine Diskussion über das Christentum in Shitsu. Er berichtet uns, dass um die Zeit der Olympiade 1964 in Tokyo die Anzahl der Christen in der Umgebung immer weiter abgenommen hätte, die jungen Leute wären damals nach Tokyo abgewandert und auch nicht mehr zurückgekommen, die Gemeinde bestehe mehr oder weniger aus älteren Leuten. Er bedauere dies, aber irgendwie hat er aufgegeben. Uns scheint es, als verwalte er hier das Erbe des Padre DoRo. Hier glaubten wir auch, dass das von uns gesuchte Samenkorn gefunden zu haben: Trotz aller Nachstellungen, Gefahren und Hindernisse wollten die Menschen ihrem Glauben treu bleiben und ihn weitergeben. Dies wollen sie tun, schon aus Respekt gegenüber ihren Vorfahren und aus der Verpflichtung gegenüber ihrem Glauben. Dafür hatten die Vorfahren so sehr gelitten und sich so lange verstecken müssen – das kann man nicht einfach aufgeben. Dieses Samenkorn als Erklärung zusammen mit der Prophezeiung von Bruder Bastian beendete unser „Schweigen“.
Wir glauben eine logische Erklärung dafür – warum die Christen so lange ausgehalten haben – gefunden zu haben. Jetzt schließt sich auch der Kreis für uns, wenn wir uns daran erinnern, wie für Pater Petitjean an der Oura Kathedrale in Nagasaki das „Wunder der versteckten Christen“ Realität wurde. Er hatte immer gehofft, dass er eines Tages wieder auf Christen treffen würde, die trotz  Unterdrückung und Verfolgung 250 Jahre nicht aufgegeben haben.

Die beiden Damen waren übrigens keine Christen.

Im Gespräch kamen wir natürlich auch auf Shusaku Endo zu sprechen. Von seinem Buch und dem Film von Scorcese wird erwartet, dass die Gegend zum Touristikziel wird, und dass die Kirchen in die Liste der Weltkulturerben aufgenommen werden. Wir wünschen es ihm. Eine solche natürliche Schönheit, das Meer, die Wälder und die Geschichte. Läge die Gegend in Europa, sie wäre schon längst besiedelt worden mit schicken Wochenendhäusern der gut verdienenden Bevölkerung hier aus Nagasaki.

Wir verließen Shitsu mit dem Gefühl, dass das Christentum die moderne Zeit nicht sehr lange überleben lassen wird. Wir hoffen aber, dass wir uns irren.

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Reise zu den “versteckten Christen” Japans / Teil 2

Mr. Glovers Garden
Minami Yamate, der südliche Hügel vor Nagasaki mit dem Blick über die Stadt, den Hafen und die Mitsubishi Schiffswerft. Hier hat Thomas Blake Glover (1838 – 1911), Mr. Glover, nach Öffnung Japans im Jahr 1863 die ersten eindrucksvollen westlichen Häuser und Gärten anlegen lassen, die heute zum Touristenspot No. 1 in  Nagasaki geworden sind. Seine Geschichte ist eng verbunden mit der Modernisierung Japans.

Mit 21 Jahren kam Mr. Glover im Jahr 1859, in dem Jahr als die Häfen Japans nach 250 Jahren Abgeschlossenheit wieder geöffnet wurden, nach Nagasaki. Er gründete Glover Trading Company und entwickelte sich vom Händler u.a. auch im Waffenhandel zum führenden Geschäftsmann mit weitreichenden politischen Verbindungen. Er ist der Vater des japanischen „Kirin“ Biers, der später von Mitsubishi übernommenen Werften sowie der japanischen Kohlenbergwerke. Trotz damaligen Verbots in den unruhigen Zeiten der Meiji Restoration schickte er die ersten japanischen Studenten auf seine Kosten zum Studium nach England. Die Geschichte der Industrialisierung Japans von Nagasaki aus geht auf die Herren Thomas Blake Glover, Robert Neil Walker, William Alt, Thomas Albert Glover, Yanosuke Iwasaki (Mitsubishi) und Frederick Ringer zurück. Sie alle wohnten in den westlichen Häusern, noch heute auf dem Gelände von Glovers Garden zu besichtigen.

Puccini & Madam Butterfly
Interessant ist, dass in Mr. Glovers Garden ein Monument des bekannten italienischen Komponisten Giacomo Puccini zu finden ist. Daneben eines von Tamaki Miura, der ersten japanischen Opernsängerin mit internationalem Ruf. Ihre bekannteste Rolle war in Madam Butterfly.    Die Geschichte von „Madame Butterfly“ geht zurück auf eine fiktive Erzählung einer Engländerin, die sich vorgestellt hatte, wie Madame Butterfly in einem Haus wie dem von Mr. Glover gelebt hatte. Als Puccini von dieser damals exotischen Geschichte hörte, komponierte er die Oper „Madame Butterfly“. So kommt es zur Verbindung von Mr. Glovers Garden in Nagasaki zu Puccini und „Madam Butterfly“.

Die Oura Kathedrale
Von Mr. Glovers Garden konnten wir die vielen Kirchen in Nagasaki sehen. Ganz in der Nähe auf dem südlichen Hügel liegt die Oura Kathedrale (Basilika der 26 Märtyrer). Dort 1864 von französischen Priestern von der „Societe des „Mission Etrangeres“ erbaut. Es waren die Brüder Louis Furet und Bernard Petitjean, die mit dem Auftrag nach Nagasaki kamen eine Kirche zur Erinnerung an die 26 Märtyrer zu errichten, die 1597 in Nagasaki gekreuzigt worden waren.

Zur Oura Kathedrale  gibt es eine bewegende Geschichte, die von Papst Pius IX zum „Wunder des Orients“ erklärt wurde, und die der Ausgangspunkt ist, warum man heute in Japan von den „Versteckten Christen“ in Japan spricht. Im März 1865, kurz nach Vollendung der Kathedrale beobachtete Bruder Petitjean eine Gruppe von Menschen vor seiner Kathedrale, die ihn um Einlass baten. Als er am Altar kniete trat eine alte Frau an ihn heran und sagte:  „Wir teilen die gleichen Gefühle in unseren Herzen wie Sie. Wo ist die Statue der Jungfrau Maria?“
Im nachfolgenden Gespräch fand Bruder Petitjean heraus, dass es sich um „versteckte Christen“ aus dem nahe gelegenen Urakami Dorf (heute Stadtteil von Nagasaki mit der Urakami Kathedrale) handelte. Sie waren die Nachkommen der frühen japanischen Christen, die sich nach der Shimabara Rebellion 1630 vor Verfolgung durch die Regierung verstecken mussten, oder so taten als seien sie keine Christen und deshalb ihre Gebete und Zusammenkünfte nur im Verborgenen abhielten.

Um an diesen Vorgang zu erinnern wurde aus Frankreich eine Marien Statue eingeführt. Vor der Kirche ist heute ein Relief zu sehen, das die  Entdeckung der „versteckten Christen“ von 1865 plastisch darstellt. Seit dieser Zeit sind in der Umgebung von Nagasaki zehntausende „versteckte Christen“ aus dem Untergrund in die Öffentlichkeit getretenen. Als diese Geschichte den Vatikan erreichte, hat Papst Pius IX dies zum „Wunder des Orients“ erklärt.

Von hier aus haben die Katholiken dann zur weiteren Verbreitung des Christentums in der Region beigetragen. Heute ist die Oura Kathedrale mit ihren Seminar Gebäuden zum Zentrum der katholischen Mission in Japan geworden. Diese Geschichte ist der eigentliche anlass für unsere Reise nach Nagasaki und Amakusa. Wir wollen verstehen warum Shusaku Endo das Buch für den gleichnamigen Film von Martin Scorcese „Silence“ – Schweigen geschrieben hat und was wir heute noch aus dieser Zeit entdecken können.

Dejima
Während der ca. 250 Jahre (1639 – 1854), in denen Japan keine Ausländer ins Land ließ, war es nur chinesischen und holländischen Schiffen erlaubt in Nagasaki anzulegen um kontrollierten Handel zu betreiben. Der heutige Stadtteil Dejima lag auf einer im Hafen aufgeschütteten Insel, sie war als Ghetto leicht zu überwachen. Dejima diente als Wohn- und Arbeitsbereich ausländischer Kapitäne, von Schiffsbesatzungen und für die chinesischen und holländischen Händler. Noch heute kann die Replik im liebevollen Detail besucht und besichtigt werden. Hier hatten also Chinesen und Holländer gewohnt und gearbeitet und als Fenster zur Welt gedient. Dejima lag ursprünglich direkt vor dem Hafen, zwischenzeitlich ist es allerdings etwas vom Meer in die Stadt verlagert worden, Landgewinnung in Japan ist und war großes Thema, auch in Nagasaki. Während der bis 1863 andauernden Abgeschlossenheit Japans war es nur Chinesen und Holländern erlaubt kontrollierten s.g. Nanban Handel – Handel mit Südbarbaren mit Japan zu betreiben. Beide Nationen hatten keine missionarischen Beweggründe und konnten so, anders als die Portugiesen, Spanier und Franzosen, dem japanischen Shogunat nicht gefährlich werden.

Nagasaki Wharf
Direkt am Hafen wurde erst kürzlich ein langgezogener, zweigeschossiger Bau erstellt, in dem neben einigen Restaurants auf der ersten Etage auch das Informationszentrum für die katholischen Kirchen und christliche Angelegenheiten im Raum Nagasaki  untergebracht ist. In diesem Zentrum sammelten wir erste Informationen über Kirchen und Orte, die wir besuchen wollten. Wir wurden dort dann telefonisch angekündigt, sodass wir später überall von in gelben Jacken bekleideten Herren und Damen der christlichen Welt empfangen wurden.

Eins der Restaurants in diesem Gebäude hatte eine beliebte Nagasaki Spezialität auf der Karte „Toruko Reis“ türkischer Reis. Butterreis, Spagetti Napolitano, paniertes Schweinekotelett (in Japan Tonkatsu), das Ganze übergossen mit Currysoße. Es schmeckte, wie geschildert. Uns konnte im Lokal niemand erklären, warum das nun „Toruko Reis“ hieß. Der Abend war herrlich, wir saßen draußen auf der ersten Etage und ließen den Abend über dem Hafen von Nagasaki hereinbrechen. Vor uns lag ein Viermaster Segelschiff über die Toppen LED-beleuchtet, die gegenüberliegenden Berge verschwammen langsam bei nachlassendem Licht in der Dunkelheit. Nur das Segelschiff, die Beleuchtung der großen Brücke über den Nagasaki Hafen und die sich farblich verändernde Beleuchtung einer Station auf den Bergen gegenüber ließ uns davon träumen, dass wir in einem fremden, noch tiefer zu entdeckendem Land waren. Es war kein Traum, wir waren es tatsächlich.

Gunkan-jima  (Battle-ship Insel)
Etwa eine dreiviertel Stunde mit dem Schiff, vor Nagasaki liegt die Insel Gunkan-jima. Sie heißt „Battle-Ship Insel“, weil sie aus einiger Entfernung aussieht wie ein Panzerkreuzer mit hohen Aufbauten und Schornstein. In Hochzeiten lebten dort 5.300 Menschen, die im Mitsubishi Hashima Bergwerk in bis zu 1.000 Meter Tiefe hochqualitative Kohle abbauten, um die umliegenden Stahlwerke zu beliefern. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurden hier auf allerengstem Raum eine Wohn- und Arbeitswelt geschaffen für die vielen Angestellten, Arbeiter, ihre Familien und Kinder.  Schule, Krankenhaus, Büro, Wohngebäude, Kino, Läden, eine komplette Infrastruktur einer Kleinstadt. Das damals höchste Gebäude Japans mit 7 Stockwerken stand auf Gunkan-jima. Im Laufe der sich veränderten Energie Politik wurde auf andere Energieträger umgestellt. Seit 1974 wird dort keine Kohle mehr abgebaut, die Gebäude wurden verlassen und Wind und Taifunen überlassen. Erst seit 2009 können wieder Menschen auf Gunkan-jima landen und die Überbleibsel dieser Geisterinsel besuchen. Gespenstisch was man hier entdecken kann, verlassene Büroräume, immer noch mit einigen verdreckten Teilen des damaligen Porzellans sind zu sehen, ansonsten Trümmerwüste, die die Gedanken in die Zeit vor 1974  abwandern lassen. Man muss schon die Überfahrt und auch das Wandern auf so einer verlassenen Arbeitsinsel mögen. Es hat seinen speziellen Reiz.

Nachleben in Nagasaki
Wie überall in Japans Städten gibt es in Nagasaki auch ein Nachleben mit kleinen Gassen, und entsprechenden Restaurants. Man könnte sich dort verlaufen, allerdings war zur Zeit unseres Besuchs das Nachtleben eher sehr ruhig.

Dagegen waren im Restaurant Okano, bekannt für seine besondere Fleischqualität, nur durch Vorbestellung zwei Plätze an der heißen Teppan-yaki Platte zu bekommen. Wir kamen mit der Straßenbahn, das Restaurant sollte in nur einer Minute von der Haltstelle zu erreichen sein. Wir konnten jedoch das Lokal von dort nicht gleich finden. Ein kurzer Anruf im Restaurant, dann das Angebot: „ich komme eben und hole Sie ab“. Im Nu stand auf der anderen Straßenseite eine junge Frau mit weißer Schürze. Sie begrüßte uns mit vielen tiefen Verbeugungen, dann warteten wir darauf, dass die Ampel endlich auf grün schaltete. Das dauerte allerdings. Für alle eine Übung in Geduld. Wie sich dann herausstellte, war sie die Dame an der Kasse des Okanos, die sie jetzt für ein paar Minuten verlassen musste, um uns den richtigen Weg zu weisen. Wer in Deutschland hätte das gemacht? Das sind die kleinen Freuden in Japan, die uns immer wieder begeistern.

Im Okano wird auf drei Etagen an der Teppan-yaki Platte bedient. Jeder bekommt seinen eigenen Koch, es ist ausgeschlossen, dass wir einen weiteren Gast an den Tisch für 6 Personen gesetzt bekommen. Nicht sehr effektiv, aber wunderbar. So kommen wir mit dem Koch ins Gespräch. Er erklärt uns, dass das bekannte Wagyu Beef (japanisches Rindfleisch) aus Nagasaki eigentlich das Beste in Japan sei, allerdings würden besonders Ausländer immer wieder nach Kobe oder Matsusaka Beef fragen. Das Nagasaki Rind wäre nicht so sehr von Fettstreifen durchzogen, genauso zart wie die Konkurrenten aus Kobe & Co. Dann erzählt er uns, dass die Wagyu Rinder eigentlich alle  aus Nagasaki und Umgebung stammen würden, dann aber in den anderen Städten entsprechend aufgezogen würden.

Wir lernen, Marketing für Nagasaki Wagyu hat noch einige weiße Flecken, die ausgefüllt werden können. Wir wurden Fans vom Okano wegen seiner Super Qualität des Nagasaki Rindfleisches, seiner fachlich, freundlichen Bedienung sowie der Dame an der Kasse.

Nagasaki China Town
Ja, auch in Nagasaki gibt es ein China Town, Überbleibsel einer einstmals großen chinesischen Handels- und Schifffahrt Belegschaft. Heute ist dieses China Town mehr oder weniger auf eine kleine Hauptstraße mit den hohen roten Eingangstoren auf beiden Seiten zusammengeschrumpft, nicht zu vergleichen mit dem um ein Vielfaches größeren Chinatown in Yokohama.

Direkt am Eingang zu China Town ein großes Restaurant „Kairaku-en“, an einem Sonntagabend bis auf den letzten Platz gefüllt. Warteliste.

Uns empfängt ein älterer Herr, fragt uns, ob wir auch am Tresen Platz nehmen würden, dann könnte er uns direkt einen Platz anbieten. Wir saßen am Counter und konnten so direkt vor unseren Augen mit ansehen, wie das Kairaku-en geführt wurde.

Zwei ältere Damen checkten die Speisen, die aus der Küche kamen, strichen die Bestellzettel ab und gaben die Gerichte frei. Vier jüngere Mädchen in schwarz-weißen Schürzenkleidern bedienten. Alles ging so schnell. Sobald ein Tisch frei wurde, gab es ein kurzes Zeichen mit der Hand des Anweisers, schon stürzten sich alle vier Bedienerinnen und eine der älteren Damen auf den Tisch, abräumen, neu eindecken, fertig Meldung an den Empfangsherren. Der schickte dann die Gäste von der Warteliste an den Tisch. Die Bestellung wurde wieder von einer der älteren Damen aufgenommen und kurze Zeit später war der Tisch übervoll, wie bei guten Chinesen üblich.

Wir rieten: Die beiden älteren Damen sind die Frau und deren Schwester vom Empfangschef.
Sie haben alles im Griff und der Anweiser kann sich auf die beiden Damen verlassen. Das Essen war hervorragend, deshalb auch die langen Wartelisten.

Beim Zahlen an der Kasse saß dort wiederum ein älterer Herr. Jetzt war uns klar, das ist der Bruder des Empfangschefs und die beiden Damen sind ihre Frauen. Beim Rausgehen kam eine der beiden Damen, jetzt schick angezogen an uns vorbei. Wir grüßten uns und fragten ungeniert, ob unsere Vermutung richtig wäre. Sie konnte es bestätigen. Und sie erzählte uns, dass Sie seit heute Mittag um 11:00 im Restaurant gewesen sei und jetzt um 8:00 nach Hause gehen könnte. Chinesisches Family Business. Mit allen Vor- und Nachteilen.

Das „Kairaku-en“ wurde zu unserem weiteren Favoriten in Nagasaki.

 

 

 

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„Hana wa Saku“ (Flowers will bloom)

Informationen zur Musik von Yoko Kanno und zur Lyrik von Shunji Iwai des One Million People’s Song  „Flowers willbloom“ www.nhk.or.jp/japan311/flowers/about.html

Dazu gibt es  ein wunderbares You Tube Video mehr…

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Ein Jahr nach der Katastrophe in Japan
Kieferbaum

Foto : © Motokatsu Watanabe Dezember 2011
Der einzige überlebende Kiefer Baum in Rikuzen Takada von einstmals 70.000 Bäumen vor der Katastrophe. Als Symbol der Widerstandskraft der Menschen in Tohoku. mehr…

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