Nach dem Check Out im Fugen-in setzten wir unsere Entdeckungsreise in Koyasan fort:

Der Kongobuji Tempel
Koyasan ist die Erfüllung einer Vision des Kobo Daishi. Heute noch, nach 1200 Jahren, ist der Kongobuji Tempel in Koyasan das Zentrum des mit 4.000 weiteren Tempeln weit verbreiteten Shingon Buddhismus in Japan. Was im Kongobuji Tempelbezirk neben den herrlich bemalten Schiebetüren und seiner immensen Größe auffällt, ist der mit über 2.300 m2 größte Steingarten Japans, der Banryu-tei, der mit imposanten 140 Granitsteinen rund um das Tempelgebäude angelegt wurde.

Tokugawa-ke Reidai
Nicht weit entfernt vom Kongobuji finden wir nach einem hohen Freitreppenaufgang zwei gleich gestaltete, eingeschossige, reich verzierte Gebäude. Es sind die Mausoleen für die ersten Tokugawa Shogune, Ieyasu und seinen Nachfolger Hidetada.  Errichtet wurden sie im Jahr 1643, in einer Zeit, als es für hochgestellte Persönlichkeiten wichtig war in der Nähe des verehrten Kobo Daishi eine Stelle zu haben, an der dieser Persönlichkeiten gedacht werden kann. Uns war nicht klar, ob hier auch die Asche der beiden ersten Tokugawa Shogune aufbewahrt wird, solche Details werden gerne im Unklaren gelassen. Beim späteren Rundgang über den Friedhof Okuno-in, werden wir noch einmal darauf zurückkommen.

Zurück zum Kondo über den Jabara-michi, den Weg, den wir am Vorabend bereits gegangen sind. Jetzt können wir die einzelnen Gebäude näher in Augenschein nehmen. Am beeindruckenden ist der Konpon-Daito, die einstöckige, rot-weiße Pagode mit dem dreidimensionalen Mandala, das die „Nicht-duale Natur“ der Lehre des Shingon verdeutlichen soll. Alle Gebäude, so lernen wir, wurden nach Zerstörung durch Feuer im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu errichtet.

Auch der Kondo ist für den Europäer kein symmetrisch, zB im Rechteck, angeordneter Platz. Dies konnten wir bereits im Horyuji Tempel in Nara erstmals sehen. Japaner scheinen einen anderen Sinn für Symmetrie zu haben. Unsere europäischen Augen bzw. unsere Sehgewohnheiten müssen sich bei Besuchen von Tempelanlagen wie dem Kondo immer wieder an die „japanische Symmetrie“ gewöhnen, das macht es aus für die Fremdartigkeit in Japan offen zu sein und sie so zu akzeptieren.

Der Okuno-in
Der Friedhof Okuno-in, den wir bei der Einfahrt nach Koyasan rechts der Straße gesehen hatten, zieht sich zwei Kilometer durch bewaldetes, teilweise gebirgiges Friedhofsgelände hin. Über drei Brücken, die Ichino-hashi, Nakano-hashi und Gobyo-bashi gelangen wir am Ende des Weges, an dem beiderseitig weit über 200.000 Grabanlagen zu bewundern sind, zum Kobo Daishi Gobyo, einem weitläufigen Mausoleum in dem Kobo Daishi in ewiger Meditation verharrt.

Wir betraten den Okuno-in am Haupteingang an der Ichino-hashi und wurden sofort in den Bann der einzelnen Grabanlagen gezogen. Der Weg führt durch einen Zedernwald mit zum Teil tausend Jahre alten, hochgewachsenen Zedernbäumen. Rechts und links des Weges, zwischen den Bäumen, immer wieder mit roten Mützchen oder Lätzchen bedeckte Jizos, kleine steinerne Statuen, die an verstorbene Kinder erinnern und sie jetzt beschützen. Dann wieder imposante Grabanlagen oder Monumente, die aus der japanischen Geschichte bekannten Familien oder Persönlichkeiten gewidmet sind. Hier ruht das „Who is Who“ der japanischen Geschichte. Einzelne Stelen, abgeschlossenen Grabanlagen, Grabmale mit bis zu fünfstöckigen steinernen Stupas, dicken runden Abschlusskugeln, indisch anmutende Grabmäler mit Sanskrit Inschriften, bemooste Treppen- Aufgänge, hier wechseln sich alle Stile ab. Das Auge kann nicht ruhen, der Fotoapparat auch nicht. Jedes Grabmal bekommt seine Bedeutung durch die Firma, die Familie oder die Persönlichkeit, die hier im Okuno-in, ganz in der Nähe von Kobo Daishi ein Monument oder Ruhestätte errichten möchte. Beeindruckende Schönheit der Anlage vermischt mit der Morbidität der bemoosten, teilweise verrotteten Steine und Hölzer.

Hier können Angehörige der Verstorbenen, einer Firma, eines Vereins, einer Gesellschaftsgruppe, einer Familie oder eines Einzelnen ihren Respekt bezeugen. Ein wunderbares Umfeld, und ganz nahe bei Kobo Daishi. Etwas störend für den europäischen Betrachter ist dann die überlebensgroße, marmorne Kaffeetasse der Firma UCC Coffee. Das Monument ist für den Japaner interessant. Ohne jegliche Bewertung, ohne ein störendes Gefühl. Da ist es dann wieder, die Großzügigkeit gegenüber dem Anders sein und denken, oder einfach das Übersehen einer für den Europäer ziemlichen Geschmacklosigkeit auf einem Friedhof.

Kobo Daishi verharrt im Gobyo Mausoleum, dem Herz von Koya-san, in ewiger Meditation, aus der heraus er den Menschen hilft sich von ihren Übeln zu befreien. Das ist der Grund, warum Persönlichkeiten in seiner Nähe ihre Grabstätten und Monumente errichten wollen.

Seit 1.200 Jahren werden von dort praktizierenden Mönchen zweimal am Tag Mahlzeiten für Kobo Daishi vorbereitet und in einer rituellen Zeremonie zu ihm gebracht. Wir konnten um zehn Uhr am Morgen dabei sein, als drei Mönche am Nebenausgang der Gebetshalle Toro-do eine Lade mit Speisen für Kobo Daishi beluden, um sie dann zwischen sich mit einer Tragestange zum Mausoleum zu bringen. Mit uns versammelten sich viele Touristen und Gläubige, die dann in einer Art Prozession die Mönche mit der Mahlzeit für Kobo Daishi bis ins Mausoleum begleiteten. Eine eigenartige Stimmung. Hunderte Touristen mit ihren Kameras und Smartphones, um ja kein Bild zu versäumen. Mönche, die für den in ewiger Meditation verweilenden Heiligen eine Mahlzeit servieren. Leider kam bei uns dabei keine der Zeremonie angemessene Stimmung auf. Allerdings wurde die ketzerische Frage des Ausländers, was mit dem Essen geschehe, das Kobo Daishi nicht einnähme, weder beantwortet noch wurde darauf in irgendeiner Weise reagiert. So eine Frage wird einfach nicht gestellt, oder sie wird überhört. Es ist doch nicht wichtig, ob nun in den Gräbern die Asche der Verstorbenen ist, oder ob das Essen von Kobo Daishi eingenommen wird. Es einfach hinnehmen, es geschehen lassen…

Dennoch, der Okuno-in mit dem Mausoleum von Kobo Daishi, den Grabstätten und Denkmälern mit der Ansammlung von bedeutenden japanischen Namen ist vielleicht das, was am meisten beeindruckt und von Koya-san in Erinnerung bleibt. Wir konnten für ein paar Stunden dem Heiligen nahe sein und uns seines Schutzes in der Zeit erfreuen. Das Weltkulturerbe Koya-san mit den unzähligen, von uns bei dem kurzen Besuch nicht allen entdeckten Schätzen der Menschheit,  wollen wir auf einer nächsten Reise dorthin weiter erkunden.

Von Koya-san fuhren wir in die laute Welt der alten Hauptstadt Kyotos, um dort langjährige Freunde zu besuchen. Auch um die Himmelsleiter von Izanami und Izanagi in Amanohashidate an der japanischen Meerseite sowie die Stadt Ine mit ihrem im Halbkreis um eine weite Bucht angeordneten, drehbuchartigen Hafen wieder einmal zu sehen.