Ohana

Wir haben Kyushu recht häufig bereist. Dort wollten wir immer schon einmal in einer Residenz eines ehemaligen Daimyos wohnen. An einem Ort, wo mehrere Hundert Jahre Geschichte Kyushu geprägt haben. Nicht wegen des Luxus, sondern um zu spüren, ob sich Geschichte tatsächlich bewahren lässt.
Im März war es dann so weit. Unser Ziel war OHANA (Blume), der ehemalige Residenzpalast der Fürsten Tachibana in Yanagawa.
Das Städtchen liegt etwa zwei Autostunden entfernt von Flughafen der größten Stadt Kyushus, Fukuoka.

Wir wurden vom Navi geführt, dennoch suchten wir in Yanagawa den Hoteleingang vergeblich und fuhren erst einmal vorbei an zwei steinernen Torsäulen. Durften wir dazwischen durchfahren, oder war das nur der Eingang zu dem Museum? Denn dahinter öffnete sich der Blick auf ein hohes, weißes, fast europäisch aussehendes Herrenhaus neben einer langgestreckten Halle aus dunklem Holz, unverkennbar japanisch. Wir drängten im zweiten Anlauf dann doch die vielen Touristen zur Seite und zwängten uns durch die Torsäulen. Jetzt erst konnten wir zur Linken ein dunkles, modernes viergeschossiges Gebäude sehen, das behutsam mit den historischen Gebäudeteilen der Vergangenheit verbunden war.  Bis zum Hoteleingang mussten wir über ein frisch geharktes Kies Beet fahren und das bei Regen. Durften wir auch das? Wie sonst sollten wir zum Eingang des Hotels kommen? Es knirschte unter den Rädern, es kam kein Protest auf, also war unsere Fahrt über den Kies in Ordnung. Der Eingang führte nicht nur in ein Hotel. Er führte uns in eine Welt, in der Geschichte noch immer Teil des Alltags ist.

Alles war ruhig, die Mitarbeiter, die Einrichtung, nichts Aufdringliches. Beim Check-In wurde uns ein Glas Mandarinensaft aus eigenem Anbau gereicht. Sehr lecker. Natur.

Eine erste Führung durch die miteinander verbundenen historischen und modernen Gebäudeteile, öffnete immer wieder neue Perspektiven auf alte Holzkonstruktionen, auf Flure, und das sehr westlich anmutende Herrenhaus, Seiyo-kan. Als  Gästehaus in der Meiji Zeit von Graf Tachibana gebaut und heute als Museum der Familie Tachibana genutzt.

Und im Übergang die außerordentlich repräsentative, mit Tatami bedeckte Halle, Ohiroma, auch100 Tatami Halle (1Tatmi = 1,6m2) genannt. Davor der sorgfältig gepflegte Garten auch wieder mit der Ruhe des Wassers. Wir konnten die 400-jährige Geschichte der Tachibana-Familie einatmen. Die geöffneten Shojis der Halle verbanden jeden Platz des Raumes mit dem Shoto-en-Garten. Typisch japanisch, orchestriert mit kleinem See, 200 schwarzen Kiefern und Steinen. Genau der Platz, wo wir am ersten Abend ganz alleine auf den Tatamis mit dem stillen Übergang in den Garten saßen, wo sich der Raum von 160 m2 mit der Gartenlandschaft verband. Auch hier konnten wir das Zusammenspiel von Raum, Licht, Wasser und Historie mit der einzigartigen Stille genießen.

Unser Zimmer über Eck auf der dritten Etage im modernen Teil. Keine historische Schwere. Hell, modern, klar durchdacht, frei von jeder überflüssigen Möblierung. Große, bequemen Betten. Fenster ums Eck an allen Seiten, warmes Holz, viel Licht. Und vor allem dieser Blick über den Garten mit den sorgfältig gesetzten Steinen, den alten Bäumen mit dem kleinen See. Und überall Blumen – klar wir sind im Ohana – Blume.

Aus dem Buch über die Familie Tachibana, das uns im Zimmer erwartete, lernten wir, dass die Familie heute in 18. Generation durch Frau Chizuka Tachibana geleitet wird. Auch, dass das Leben der Familie nicht immer ganz einfach gewesen war. In der Meiji Zeit, nach der 14. Generation, verloren sie ihren Fürstentitel, dafür erhielten sie den Grafentitel, der nach dem 2. Weltkrieg auch verloren ging. Enteignung, Vertreibung, Wiederbeginn und -aufbau, Überleben, Geldnöte, Anpassung zieht sich durch die Geschichte dieser Familie … besonders Anpassung an die sich verändernden Zeiten. Hochachtung vor der Leistung, deren weibliche Mitglieder noch vor vier Generationen als Prinzessinnen geboren wurden. Die Familie Tachibana hatte auch Glück im Unglück. Sie durften auf Ihre Ländereien zurückkehren, allerdings ohne jegliche Geschäftsgrundlage. Die 14. Generation ließ den Garten in seiner heutigen Form anlegen. Die 15. Generation Tachibana versuchte sich mit einem Mini-Restaurationsbetrieb, zunächst sehr amateurhaft. Wie sollten auch die früheren Grafen und Fürsten ohne jegliche Ausbildung im Beherbergungsgewerbe professionell ein Restaurant und einen Hotelbetrieb betreiben können. Erst der Vater der heutigen Familien Chefin erhielt eine Ausbildung bei Herrn Kanaya (siehe unseren Bericht ), dem Grand Seigneur der japanischen Beherbergungs- und Gastfreundschaft. Er begann den landwirtschaftlichen- und Hotel Betrieb zur heutigen prachtvollen Blüte zu führen. Wir können uns die schlaflosen Nächte, die endlosen Gespräche und die damit verbundenen Hoffnungen der Generation gut vorstellen.

Nachdem wir die Geschichte der Großeltern der heutigen Chefin gelesen hatten, standen wir am Fenster unseres Zimmers und schwiegen. Manchmal sagt ein Ort alles, ohne ein einziges Wort zu brauchen. Genau so war es hier.

Zum japanischen Frühstück – im besonderen Speisesaal wieder mit Blick auf den Garten – überraschte uns, dass die Nori Blätter (Seetang), in die wir den Reis einwickelten, so gross waren. Noch niemals zuvor hatten wir Nori-Blätter im Originalformat, achtmal größer als normalerweise, in einem Hotel zum Frühstück bekommen. Auf einem kleinen Holzkohlenfeuer konnten wir die Blätter dann noch extra trocknen. Erstmalig! Ach ja. Am zweiten Tag, dann europäisches Frühstück mit Croissants.

Am ersten Tag machten wir eine Bootsfahrt auf den 900 Kilometer langen Kanälen, die einst das Schloss der Tachibana Fürsten umgeben hatten und wir besuchten die Stadt Yame. Den Ort in Japan, mit einer 600-jährigen grünen Tee Geschichte und dem heute noch besten Gyokuro Japans.