Yame und der berühmte grüne Tee

Yame liegt nur etwa 20 km von Yanagawa entfernt, keine lange Autofahrt, gerade mal 30 Minuten auf direktem Weg zu den berühmten Yame Tee Plantagen.

Uns zog der japanweit gerühmte grüne Tee von Yame in diese kleine Stadt mit ihren gerade mal weniger als 60.000 Einwohnern. Was uns bei der Vorbereitung irritierte, war die große Stadtfläche von 480 km2, von einer weiten Ebene bis weit hinein in bewaldeten Berge. „Durch Eingemeindung“, meinte ein Mann im Teeladen, den wir dort später trafen.

Die Plantagen des Yame Tees

Die bekannten Yame Teefelder liegen etwas außerhalb der Stadt.
Sie gehören zu den bedeutendsten Teeanbaugebieten Japans. Wir fuhren durch die Plantagen hoch zu einer Aussichtsplattform mit der alles überragenden, weißen Bodhisattva Figur und zu dieser Jahreszeit passenden, blühenden Kirschbäumen. Dort parkten wir das Auto und blickten über die weich geschwungenen, teebewachsenen Hügel mit dem so geschätzten Yame Tee. Ein beeindruckendes Bild über die endlosen grünen Teepflanzen Felder bis weit hin zum Ariake-Meer.

Tee, soweit das Auge reicht. Dazwischen windet sich die Straße auf der wir hier hochgekommen sind. Wir haben schon viele Anbaugebiete besucht – die Tee Plantagen in Uji bei Kyoto oder die in Shizuoka, am Fuß des Fuji-Yamas. Jetzt konnten wir sagen, dass der Yame Chuo-Dai-Cha-en bestimmt zu den schönsten Teelandschaften Kyushus, vielleicht sogar Japans gehört.

Worauf nun beruht der gute Ruf des Yame-cha?
Morgendlicher Nebel schützt die Teeblätter vor zu intensiver Sonne. Der große Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht fördert die Aromatisierung. Mineralreiche Lehmböden und sehr weiches Wasser schaffen ideale Bedingungen für den Tee Anbau – es erinnerte uns an Qualitätsbedingungen, die auch für den Wein Anbau unerlässlich sind.

So zählt der hochwertige Gyokuro zum Besten, was Japan an grünem Tee zu bieten hat. Sein Geschmack ist süß, weich und reich an Umami.

Ach ja, Umami.

Umami ist tatsächlich eine eigene Geschmacksrichtung. Neben süß, sauer, salzig und bitter gilt Umami heute als der fünfte Grundgeschmack. Ausgelöst wird er vor allem durch freies Glutamat, eine natürlich vorkommende Aminosäure.

Das Wort ist sehr japanisch: „umai“ bedeutet so was, wie „köstlich, wohlschmeckend“, „mi“, der Geschmack. Der japanische Chemiker Kikunae Ikeda bemerkte 1908 beim Essen von Kombu-Dashi einen Geschmack, den er mit den bekannten vier Geschmacksrichtungen nicht erklären konnte. Er isolierte schließlich Glutaminsäure und nannte diese Wahrnehmung Umami.

Und wie schmeckt Umami?

Das ist wirklich schwer zu beschreiben – genauso wie man jemandem „süß“, oder den Geschmack einer Papaya kaum erklären kann. Am ehesten: voll, herzhaft, tief, rund, lange im Mund bleibend.

Ein schönes Experiment: Denkt man an eine ganz reife Tomate, an Parmesan, Shiitake Pilze, Miso, Sojasauce oder eine gute Brühe. Unterschiedliche Lebensmittel – aber hinter allen liegt dieses schwer greifbare, befriedigende Geschmacksempfinden.

Dashi ist das klassische Beispiel. Kombu (Seetang) enthält viel Glutamat; Katsuobushi (getrockneter Bonito) liefert Inosinat. Treffen beide zusammen, verstärken sie sich gegenseitig, es entsteht eine regelrechte Umami-Synergie. Schwer zu verstehen, es war ja auch nur unser Versuch.

Und jetzt wird es für Yame besonders interessant. Denn der hochwertige Yame Matcha besitzt ebenfalls ausgeprägtes Umami. Die Teepflanzen werden vor der Ernte beschattet. Dadurch verändert sich die chemische Zusammensetzung des Blattes, insbesondere die für Süße und Umami wichtigen Aminosäuren, sie spielen bei hochwertigem Tencha/Matcha eine wichtige Rolle.

Vielleicht der Grund warum guter Matcha eben nicht einfach nur bitter nach Grüntee schmeckt. Dieses weiche, volle, fast cremige Mundgefühl gehört genau in diese Richtung. Und das erklärt auch, warum sich hochwertiger Matcha geschmacklich so deutlich von, bei uns häufig angebotenem, teuren, aber qualitativ billigem Matcha unterscheidet.


Das Udon und Soba Restaurant von Hana Murasaki

Im historischen Stadtkern von Yame suchten wir auf der Hauptstraße ein Restaurant zum Mittagessen.

Wir waren spät dran, parkten vor einem sehr gepflegten weißen Restaurant und fragten, ob sie uns noch annehmen. Der Chef persönlich kam aus der Küche und begrüßte uns. Wir sind halt auf dem Land, da sind die Leute noch freundlich…

Uns wurde ein wunderbares, saisonal farblich und geschmacklich aufeinander abgestimmtes, vom Chef persönlich, handgemachtes Udon– und Soba Menü serviert. Hervorragend. Sicherlich lag der köstliche Geschmack auch an der Freundlichkeit der Bedienung und Ihres Chefs.

Zwischenzeitlich hatte sich das Restaurant geleert. Wir waren die letzten Gäste, so kamen wir mit Hana Murasaki, dem Chef in blütenweißer Uniform ins Gespräch. Er hatte erst vor ein paar Jahren dieses Haus, neben den traditionellen Kaufmannshäusern von Yame hierher verlegt und fokussiert sich auf Gäste aus der Stadt. Das Haus sieht auch von außen nicht wie ein Touristen Lokal aus, vielleicht sein Geheimnis warum sein Menü zu den Besten gehörte, die wir gegessen haben.

Zur Verabschiedung trat er mit uns vor die Tür. Wir unterhielten uns noch ein wenig und fragten nach dem besten Teeladen für den Yame Gyokuro sowie nach einem Geschäft für Shochu, eine spezielle Kyushu Spirituose.

Der Teeladen lag nur einen Steinwurf von ihm entfernt, ein Spirituosen Laden auch nur wenige Schritte dahinter. Bei beiden Läden kaufte er selbst auch ein.  Auf unsere Frage, ob wir unser Auto auf seinem Parkplatz, auf dem nur für wenige Autos Platz war, stehen lassen dürften: „Solange Sie möchten“. Dann machten wir noch ein Foto mit ihm. Diese menschliche Wärme gibt’s tatsächlich vielleicht nur noch auf dem Land. In Yame hatten wir sie gefunden.

Der Teeladen Konomi Honke Yamecha (1704)

So stellt sich der Europäer auf Japanbesuch einen historischen Teeladen vor. Malerisch. Für den Städter: in der Zeit stehen geblieben, vielleicht sogar eine Filmkulisse aus der Edo-Periode, etwa aus den Jahren zwischen 1704–1711. Gegründet von einem Händler namens Jinshirō Konomi, der mit Produkten aus den Bergen handelte, Holzkohle, Pilze – darunter damals auch schon grüner Tee.

1865, also ganz am Ende der Edo-Zeit, zog das Unternehmen an seinen heutigen Standort und spezialisierte sich auf die Tee Zubereitung und den Teehandel. Später war es die Familie Konomi, die dem berühmten, regionalen Tee den Namen „Yame-cha“ gab. Wir waren also an diesem Tag in die Ursprünge des grünen Tees von Yame eingetaucht.

Heute unter Kennern das Beste vom Besten.

Dieser Laden gehört zu den ältesten der Stadt Yame. Die Atmosphäre innen: ehemals weiße, heute stark vergilbte Wände, dunkle, dicke Holzbalken mit Durchgang zu den hinteren Räumlichkeiten zu den ursprünglichen Rösttischen.

Hier wird Tee nicht nur verkauft, hier wird der grüne Tee erklärt und zelebriert. Hier kann man lernen, wie Gyokuro aufgegossen wird, warum die Wassertemperatur entscheidend ist und weshalb der Yame Tee so viel Umami entwickelt. In diesem Laden aus Ur-Ur-Urgroßvaters Zeiten hat uns die japanische Teekultur förmlich angesprungen.

Und hier kauften wir – unter historischen Fotos und neben den uralten Teerösttischen – Matcha Tee Pulver. Natürlich mit Beschränkung auf eine kleine 40 Gramm Dose, wie in anderen Teeläden in Japan auch. Die Menge reicht in Japan schon nicht mehr aus, seitdem Matcha als nächste japanisches Spezialität die Welt erobert hat. Noch wird Matcha Pulver nicht mit Gold aufgewogen, doch es scheint nicht mehr weit zu sein, bis Original japanisches Matcha vergleichbar mit Tulpenzwiebeln aus dem früheren Holland zu Höchstpreisen gehandelt werden.

Grund dafür, dass wir es mal wieder nicht lassen konnten und sogar über Matcha Futures und Termin Börsennotierungen nachgedacht haben.

Matcha-Pulver selbst wird derzeit noch nicht als standardisierter Rohstoff an einer klassischen Terminbörse gehandelt – also nicht wie Kaffee, Kakao, Zucker oder Orangensaft. Es gibt unseres Wissens auch keinen Matcha-Future oder Matcha-ETC/ETF. Rohstoff-ETCs setzen nämlich typischerweise einen handelbaren Spotpreis oder Future als Referenz voraus.

Interessant ist aber: Das Vorprodukt von Matcha, Tencha, wird in Japan tatsächlich bereits auf Auktionen gehandelt. Tencha sind die beschatteten Teeblätter, die später zu Matcha vermahlen werden. Und dort passiert gerade Bemerkenswertes: Bei der ersten Kyoto-Auktion 2026 lag der Durchschnittspreis für maschinell geernteten Tencha bei rund 14.000 Yen/kg – etwa 70 % über dem Vorjahr und auf Rekordniveau. So melden auch Kagoshima auf Kyushu massive Preissteigerungen.

Matcha hat bereits einen echten, transparent werdenden Rohstoffmarkt – nur noch keine Börse. Die Kombination aus weltweit stark steigender Nachfrage, begrenzter japanischer Produktion, alternden Teebauern und nur langsam ausweitbarer Tencha-Produktion macht den Markt momentan ausgesprochen spannend.

Zurzeit lassen wir tatsächlich untersuchen, ob Matcha/Tencha gerade auf dem Weg ist, sich ähnlich wie Kaffee oder Kakao zu einem international gehandelten Agrarrohstoff zu entwickeln – und welche Rolle Yame/Kyushu dabei spielen könnte…

Zurück in Yame besuchen wir noch das alte Bezirksamt von Yame.

Wir wollten als Omiyage (Mitbringsel) für einen Freund in Kyoto einen speziellen Shochu aus Kyushu mitbringen. Wir folgten der Empfehlung des Chefs Hana Murasaki und besuchen das historische Kaufmannshaus, etwas jünger als der alte Teeladen. Es wurde früher als Bezirksamt genutzt. Drinnen dicke gebogene Holzbalken, hier müsste mal dein Dachdecker ran, bevor noch Schaden entstehen kann. Wir konnten zunächst keinen Eingang finden, der liegt nämlich auf der rückwärtigen Straßenseite dieses ziemlich ausgedehnten Gebäudes und der umliegenden Anlage. In diesem Haus, zwischen den schwarz gefärbten Uraltbalken, haben junge NGOs einen Spirituosen Laden aufgebaut, verkaufen dazu noch regionale Produkte und Kunsthandwerk.
Auf den ersten Blick ein ziemliches Sammelsurium. Doch sie haben genau die rare Spezialität, die wir suchten. Die beiden jungen Leute waren so freundlich, dass wir noch nach weiteren Sachen suchten, die wir ihnen abkaufen könnten…

Beim Rausgehen begann es heftig zu regnen. Wir hatten keinen Schirm dabei, mussten aber noch zurück zu Hana Murasaki zu unserem Auto. Gerne liehen sie uns einen Schirm und bedeuten uns, dass wir ihn nicht zurückbringen müssten. Zur Abkürzung zu unserem Parkplatz öffneten sie eine Hintertür in eine hohe, offene Halle in traditioneller Lagerhaus-Architektur. Gestampfter Lehmboden (Doma), noch schwerere, dicke Holzbalken, die dieses Haus nun schon seit ein paar Jahrhunderten tragen. „Und wofür nutzt ihr es“, fragten wir die Beiden.

„Es soll kein Museum sein. Wir nutzen es zum Verkauf, wie ihr gerade selbst gesehen habt, für Ausstellungen, Workshops und lokale Veranstaltungen, sogar für Konzerte. Hier sollen sich die Bürger von Yame mit Besuchern begegnen. Das wollen wir mit unserer NGO unterstützen.“

Anstatt das Haus abzureißen, wird es an junge Leute gegeben, die etwas draus machen. Toll denken wir, und machten uns unter dem Yame NGO Schirm, auf den Weg zum Auto. Den Schirm hatten wir natürlich zurückgebracht.

Am kommenden Tag fuhren wir von Hakata mit dem Shinkansen nach Kyoto zu neuen Abenteuern im Geisha Viertel Gion. Im Zug sprachen wir noch lange über die freundlichen Menschen in Yame, über die „fürstlichen“ Tage im Ohana bei den ehemaligen Fürsten Tachibana und darüber, dass wir bei unserem Besuch vielleicht ein neues Geschäftsfeld für Matcha Futures angestoßen haben.