Eingeladen zu einer Tempelführung mit anschließendem vegetarischem „Fucha Ryori“ Lunch im Zen Tempel Shotai-ji hatte der Bewohner Club der Wochenend-Wohnungen vom Kowakien Hotel in Hakone.

Der Tempel wurde an dieser Stelle 1669 errichtet, hier machten die Daimyos auf ihren jährlichen Reisen nach Edo (Tokyo) Rast. Das hervorstechendste Merkmal dieser Anlage ist neben einem über 300 Jahre alten Kirschbaum, einem sogenannten „Weeping Cherry Tree“, der Abt und sein Essen.

Shotaij Altar

Nach Erklärungen über die Gründer, die wichtigen Menschen, die auf dem umliegenden Friedhof begraben wurden und des eher bescheidenen Bauwerks führte uns der Abt in einen Raum mit langer, gedeckter Tafel für 15 Personen.

Wie meistens bei solchen Veranstaltungen in Japan, muss der Einladende das Wort ergreifen, um die stillen „Mitesser“ ins Gespräch zu bringen. Das gelang ihm hervorragend, indem er jeden am Tisch aufforderte etwas über sich zu sagen, auch, wie lange er schon in Hakone Kowakien wohnt. Sehr interessant, denn aufgefordert bricht es meist aus Japanern heraus, wir lernten, dass die meisten im Pensionsalter waren, nachdem sie zum großen Teil bedeutende Positionen bekleidet hatten.

Dann kam es an uns. Wir sprachen darüber, dass wir Bücher über Shoganai geschrieben hatten, leider nur in Deutsch, und jetzt für ein neues Buchprojekt „Dämmerung in Gion“ Recherchen in Kyoto anstellen. „Dämmerung „ auf Japanisch „Tasogare
Draus entwickelte sich eine lebhafte Diskussion – man benötigt in Japan einen spannenden Nukleus und schon gibt es Anregungen und Vorschläge.

Maiko in Gion

Der Verwalter fragte dann, ob wir wüssten, dass das Wort  „Tasogare“ von Taso Kare kommt. Er klärte uns auf: „Taso ist Wer, denn im Dämmerlicht kann man den anderen nicht klar erkennen,  „Kare“ heisst Er. Kurz gefasst aus „Wer ist Er“ wurde Tasogare, die Dämmerung“. Die Teilnehmer wollten bei dem Projekt auch ihr Tasogare“ einbringen, indem sie von ihrem Älter-werden berichteten….

Für uns war der Ausdruck Tasogare geboren, der uns bei unseren Gesprächen in Gion später immer wieder begegnete.

Fucha Ryori

Der Abt erklärte, was „Fucha Ryori“ heißt.
Alle essen zusammen von einem Teller, den wir mit den anderen teilen. Deshalb werden jeweils Portionen für vier Personen je Tisch und je Gericht serviert. Jeder nimmt von einem Teller seine Portion für seinen eigenen Teller. Klingt kompliziert ist aber ganz einfach.

War der Abt beim Rundgang im offiziellen braunen Zen Koromo, einem Mönchmantel mit langen, offenen Armen, und mit einem Oryoko – bukuro, einer Umhängetasche für das rituelle Essgeschirr, aufgetreten, so änderte sich das beim Service.
Jetzt hatte er alles abgelegt, was ihn daran hindern könnte uns am Tisch seine Köstlichkeiten zu servieren. Er trat jetzt als Serviceperson im Jubon, der Innenbekleidung unter dem Koromo, auf und kündigte an, was er selbst in der Küche gekocht und frittiert hätte. Teilweise wurden seine Kreationen, und das müssen wir zu dem, was er auftischte, sagen, tage- und wochenlang eingelegt, um es uns hier servieren zu können. Nicht nur für den Gaumen, insbesondere für die Augen war alles, was 15 Personen auf einmal vorgesetzt bekamen: Mit Liebe gekocht und dazu noch sterneverdächtig.

Ein Abt eines Zen Tempels von 1669 zunächst als Zen Priester, dann als Serviceperson und dazu noch als begnadeter Koch. Hochachtung.

Auch das gibt es nur in Japan. Für die Japaner am Tisch war seine Verwandlung in die unterschiedlichen Rollen ganz normal, ob sie verstanden haben, dass der Fremde unter ihnen diese Verwandlung als etwas Besonderes empfunden hatte?